Wie immer …

Wanderungen unternehme ich meist nur am Wochenende. Unter der Woche drehe ich meine Walkingrunden.

Letztere dienen dazu, meine Füße für längere Touren fit zu halten. Außerdem mache ich da meist Tempo mit dem Ziel, mich an eine bestimmte Schrittfrequenz zu gewöhnen, damit sich diese dann wie von selbst auch auf längeren Touren einstellt. Wobei ich es da grundsätzlich gemütlicher angehe, mehr die Umgebung genieße, mir Zeit zum Fotografieren und näherem Betrachten der Dinge am Wegrand nehme.

Die alltäglichen Runden sind so vertraut, dass ich sie wie auf Autopilot ablaufe. Einerseits ist das etwas langweilig, bietet aber auch Gelegenheit, die Gedanken weit abdriften zu lassen, da das Thema „Orientierung“ keine Aufmerksamkeit beansprucht. Das ist sehr erholsam. Oder auch nicht, wenn man stattdessen Probleme wälzt.

Im Wechsel der Monate, erfreue ich mich am Aufblühen verschiedener Pflanzen. Einige sehe ich dann für eine Zeit lang täglich, sehe mich daran satt. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die eine alltägliche Runde zu etwas Besonderem machen.

Diese Singdrossel, als ein Beispiel, blieb trotz meiner Annäherung stehen. Vielleicht hätte sie sogar den Wurm mit mir geteilt, den sie im Schnabel hielt. Eine gewisse Distanz – außerhallb meiner Reichweite – hielt sie ein, doch ansonsten ängstigte sie keine meiner sachten Bewegungen. Plötzliche oder ausufernde Bewegungen vermied ich sowieso, um mich möglichst lange ihrer Gegenwart erfreuen zu können.

First time. Erst einmal muss ich jetzt sprechen lernen. Das sind die ersten Schritte in Babyschuhen, sozusagen.

15. Juni 2021

Streifzug vor der Haustür

An manchen Tagen verlasse ich etwas lustlos das Haus, um meine Schritte (Ziel: täglich 12 000) zu machen.

Die vertraute Umgebung, von der sich mein Gehirn gelangweilt zeigt, bringt mich an die Grenzen meiner Disziplin. Entweder ich stelle mich der Langeweile, die mein offenbar uninspiriertes Hirn für mich inszeniert, oder ich bringe etwas Leben in die Gehirnwindungen, indem ich mir kleine Aufträge gebe. Wobei es nicht um die Erfüllung dieser Aufträge geht, sondern eher um den Fokus, der sich nebenbei einstellt. Irgendwann werden mir die Ideen für diese Aufträge auch ausgehen. Macht nichts.

An diesem Tag – vergangenen Mittwoch – fehlte mir der Schwung, um den Trick mit dem Fokus umzusetzen. Okay, wenn gar nichts geht, dann bleibt nur eines: einfach gehen! Na und? Ist doch schön?! Den Weg den Füßen überlassen – mich einfach gehen lassen. Eigentlich ein Widerspruch, denn ließe ich mich gehen, so ginge ich nicht los. Ach, Widersprüche … Sind Widersprüche nicht genau dazu da, um diesen zu widersprechen? So also gelangte ich an diesen Bierkrugbaum. Ich überlegte: War ich wirklich noch nie hier? Oder ist es einfach nur sehr lange her?

Nah beim Bierkrugbaum dann dieser Baum. Oder war es nur ein Baumstamm? Die Schnitzereien zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, ich könnte die Frage nicht beantworten. Ein Fisch hinter Gitter. Da komme ich ins Grübeln. Wer denkt sich sowas aus? Und: warum? Vielleicht ist es ein Traum? Die ganze Szenerie wurde für mich gestaltet. Und gleich, wenn ich den Ort verlassen habe, löst sich alles wieder auf. Das wäre ein neuer Auftrag: erneut hingehen, und mich vergewissern, dass noch alles da ist.

Die Spinnweben, der verhinderte Nasenring, dieser Blick … Die Betrachtung der Aufnahmen hinterher … das ist eine Belohnung für das Losgehen. Nach der Rückkehr, gemütlich zuhause sitzend und die Bilder betrachtend, entstehen Geschichten, während vor Ort die Umgebung noch geschwiegen hatte. Mit dem Wissen dieser Nach- und Nebenwirkungen müsste das nächste Losgehen viel beschwingter möglich sein?

Ich umrundete den kleinen Ort. Die immer wieder aufblitzenden Häuser am Waldrand dienten als Orientierung. Auf den letzten Kilometern spürte ich eine angenehme Zufriedenheit, denn langweilig war mir die ganze Zeit nicht.