41 bis 50 km | „Hessische Alpen“

8. Teil: Niederdorfelden bis Wilhelmsbad

Kleine Kaffeestation von Vater mit Töchtern

Wenige Kilometer hinter der VPS 2 erreichen wir eine Unterführung, die mit warmen Lichtern erhellt ist. An den Seitenwänden haften bunte Knicklichter. Gemeinsam mit seinen Töchtern hat hier ein Vater einen kleinen Stand aufgebaut. Es gibt – ich rieche es sofort – richtigen Filterkaffee! Daneben steht eine große Schale mit Fruchtgummis. „Bitte bedient euch!“ Der Kaffeeduft ist so verführerisch, Chan und sind uns sofort einig: Zu diesem Kaffee sagen wir nicht Nein!

Stoffbeutel mit Trinkbecher (erfreulich: keine Einwegbecher beim Megamarsch)

Ich muss nicht einmal meinen Rucksack absetzen. Der Vater entknotet den am Rucksack baumelnden bunten Beutel, in dem ich meinen Trinkbecher verwahre. Ich lasse den Becher zu einem Drittel füllen, halte den fächelnden Kaffeedampf unter meine Nase und lausche dem Vater, der erzählt, dass er im Vorjahr am Megamarsch teilgenommen hat. Das sei auch der Grund dafür, dass er diese kleine Station aufgestellt habe. Er selbst habe sich damals über ähnliche Aufmerksamkeiten gefreut. Wir loben den kräftigen, aromatischen Kaffee. Im Gegensatz zum Instantkaffee an den VPS ist das wahrer Luxus.

Da tauchen schon die nächsten Stirnlampen im Dunkel auf. Wir bedanken uns schnell, blicken in dankbare und erfreute Gesichter – obwohl doch wir die Dankbaren sind – und machen uns wieder auf den Weg. Unterwegs trinke ich den Kaffee in winzigen Schlucken, trage den Becher also lange in der Hand mit.

Bergsteigen im Hessischen

Nur die Geräusche unserer Schritte sind zu hören. Wenn das Mondlicht ausreicht, schalten wir die Stirnlampen aus. Einmal glitsche ich über einen vom Regen aufgeweichten Mistteppich und fliege fast auf die Nase. Manch große Pfütze löst einen Seitensprung im allerletzten Moment aus. Seit den Augen-OPs ist das Kontrastsehen nicht mehr so gut.

Sachte und kontinuierlich geht es inzwischen bergan. Diese leichte Veränderung im Bewegungsabablauf ist eine Wohltat, eine Erholung für die Beine. Ich spreche mit Chan drüber und muss wohl den Begriff „Anstieg“ verwendet haben. Chan zeigt sich daraufhin sehr, wirklich sehr verwundert: „Ich spüre hier keinen Anstieg.“
„Ja, Du spürst keinen Anstieg, aber für einen norddeutschen Fischkopp ist das hier Gebirge!“ Und um das zu unterstreichen: „Wie die Alpen!“
„Nein!“ entgegnet Chan und klingt dabei so entrüstet und überrascht, als zweifelte sie plötzlich an meinem Verstand.
Ich erkläre ihr den „Fischkopp“ und die beabsichtigte Übertreibung, woraufhin sie immer wieder kichert.

Sendeturm auf dem Hühnerberg

Vor dem mondhellen Himmel zeichneten sich die Umrisse des Hühnerbergs ab. Am Tage hat man hier eine schöne Sicht über Rhein-Main, die Wetterau bis hin zum Spessart. Eine Markierung auf dem Weg weist darauf hin, dass wir nun den höchsten Punkt der Megamarschstrecke erreicht haben. Erstaunlich, dass wir schon so weit gekommen sind. Ich spüre Rückenwind.

So sieht es dort am Tage aus.
Der Turm ist dank seiner Struktur nachts gut wiederzuerkennen.

Es geht bergab

Am höchsten Punkt biegen wir nach links auf die Hohe Straße ab. Damit begeben uns zugleich auf einen Abschnitt des Jakobswegs, und folgen diesem hinunter in Richtung Main.

Chans Knie schmerzt

Als ich erzähle, dass es noch eine Weile abwärts gehen wird, reagiert macht Chan ein sorgenvolles Gesicht: „Ich habe meine Kniebandage vergessen.“ Sie greift mit der Hand in die linke Kniekehle, verzieht ein bisschen das Gesicht und meint: „Es tut schon weh.“ Außerdem habe sie die Stöcke nicht mitgenommen, was sie inzwischen bereue.

Ich schlage vor, bis zum Main kurze Schritte und langsamer zu machen, falls ihr Knie das besser toleriere. Am Main entlang könnten wir ja wieder mehr Tempo machen.

Für längere Zeit wird es still zwischen uns. Jede hängt ihren Gedanken nach, meist höre ich nur den leisen Atem. Sowohl vor als auch hinter uns sind keine Teilnehmer mehr zu hören oder sehen.

Regionalparkstaton „Ruheliegen“

Schweigend durch die Nacht

Chan reagiert immer seltener, wenn ich mal einen Satz sagte. Vermutlich ist sie mit ihren Knieschmerzen beschäftigt? Oder sie möchte lieber ihre Ruhe haben? Oder ich bin zu schwer verständlich? Um mehr Gewissheit zu erlangen, müsste ich ihr ins Gesicht schauen, doch dann würde sie sofort von meiner Stirnlampe geblendet. Ich akzeptiere, es nicht genau zu wissen. Wir sind uns auch zu fremd, als dass ich sie jetzt dazu befragen wollte. Schweigend setzen wir unseren Weg fort. Die Stille zwischen uns fühlt sich richtig an.

36 bis 41 km | Glückwünsche mit Apfelduft

7. Teil: VPS 2 in Bad Vilbel-Gronau bis Niederdorfelden

VPS 2 | Ja oder nein?

Die zweite Verpflegungsstation liegt vor uns, und damit fast 38 km hinter uns. Meine Trinkblase ist noch ausreichend gefüllt. Seit dem Murks mit dem Bier trinke ich voller Widerwillen und damit eher wenig. Chan meint, sie ärgere sich schon länger darüber, an VPS 1 zu viel Wasser gebunkert zu haben. Sie möchte an dieser Station lieber vorbeigehen. Ich erkläre, dass die nächste VPS etwa vier bis fünf Marschstunden entfernt liegt. Nun sind wir uns doch einig, hier wenigstens eine Kleinigket Nahrung zu besorgen. Essen … allein die Vorstellung schnürt mir den Hals zu. Wir haben Glück, an dieser Station ist nur mäßig viel los.

Christianes Prognose: 66,6 km

Vor den Tischen mit der Verpflegung stehen ein paar Teilnehmer, doch wir haben freien Blick auf das Angebot, können ungehindert zugreifen. Dehsalb entdecke ich sofort Christiane*, die junge Frau, die ich auf einer Nachtwanderung kennengelernt hatte. Sie erkennt mich auch sofort, ich eile hin und wir umarmen uns, zwischen zwei Kartons mit Bananendritteln und Apfelvierteln, über den Tisch hinweg. Ihre Geburtstagswünsche erreichen mit warmem Hauch mein Ohr, dazu strömt intensiver Apfelduft in meine Nase. Es hat etwas Traumähnliches. Christiane hat wortwörtlich alle Hände voll zu tun, und ich will sie nicht unnötig aufhalten. Wir wechseln ein paar Worte. Nebenbei greife ich ein Bananendrittel, zwei Apfelviertel und ein Milchbrötchen aus den Kartons, und verabschiede mich schließlich von ihr.
„66,6 km schaffst du bestimmt!“ ruft sie mir hinterher.
„Njoooaa … mal sehen!“

Mir fehlt jede Vorstellung davon, wie weit ich kommen werde, aber mindestens siebzig Kilometer will ich gerne erreichen. Während ich mich abwende, dabei Chan auf einer Bank sitzend entdecke, frage ich mich irritiert: Wie kommt Christiane ausgerechnet auf 66,6 km? Das ist doch wohl kein Omen?

Schlaf schön, lieber Supporter

Chan steckt ein großes Stück Milchbrötchen in den Mund; macht ein Gesicht dabei, als nähme sie Medizin ein. Gleich ein weiteres Stück hinterher, die Wangen sind rund gefüllt. Ich frage: „Hast Du auch keinen Appetit?“ Sie gibt einen Laut von sich, der meine Annahme bestätigt. Sicherlich eine vernünftige Idee, es ihr gleich zu tun, damit „der Ofen“ nicht ausgeht. Das Milchbrötchen babbt wie schmierige Watte in meinem Rachen, will kaum den Hals runter, während der Bauch ein Gegenbeben auslöst. Nebenbei tippe ich eine kurze Nachricht an meinen Supporter.

Mit ihm habe ich vereinbart, an VPS 2 eine Einschätzung für die ganze Nacht abzugeben. Ich erhoffe mir davon, dass er ruhig schlafen kann, wenn er sich keine Sorgen um mich machen muss. Kurz darauf ein Anruf von ihm. Ich versichere nochmals, dass alles bestens läuft. Er soll sich die Fahrt durch die Nacht sparen und lieber gut ausschlafen.

Chan quittiert meine Handywischerei mit einem pädagogisch wirksamen Gesichtsausdruck, steht auf, zieht die Riemen ihres Rucksacks stramm. Sie ist einfach immer drei Minuten schneller als ich! Ich beschließe, dass es eh vernünftiger ist, das Obst mitzunehmen und unterwegs in kleinen Portionen zu essen, damit es mir nicht auch noch quer im Magen liegt. Plötzlich taucht schräg hinter mir ein Sensenmann aus dem Dunkel auf. Huch! Vermutlich schaue ich ihn ziemlich verdattert an, um nicht zu sagen: dämlich. Chans Gesicht zeigt sich unbeteiligt und doch unwillig – ausdrücklicher kann man nicht ignorieren.

Gronau und Niederdorfelden

Weg durch Niederdorfelden – bitte in einer Nacht mit fast vollem Mond vorstellen

Die nächsten Kilometer führen durch Gronau und anschließend durch Niederdorfelden. Vereinzelt stehen Einheimische am Straßenrand. Manchmal frage ich mich, ob sie wirklich auf Teilnehmer warten oder rein zufällig mitbekommen haben, dass hier ab und zu Wanderer durch die Nacht streifen, und dass es eine Bedeutung haben könnte. Sobald uns jemand anfeuert, ist die Frage natürlich geklärt.

5 km durch Gronau und Niederdorfelden

Supportersicht

Mein Supporter möchte das zwischendurch kurz aus seiner Sicht schildern:

Bericht vom Supporter

Ich erklärte mich schon im Mai für die Unterstützung von Marianne (aka Mrs. Flummi) beim Megamarsch bereit. Am Veranstaltungstag war alles vorbereitet: drei Körbe standen bereit, vollbeladen mit nahrhaften Speisen, belebenden Getränken, heilenden Salben und Balsam, Reserve-Schuhen und -Kleidung aller Art; ein schneller Wagen stand vollgetankt in Fahrtrichtung an der Straße, um jederzeit in wenigen Sekunden zu Einsätzen aufzubrechen; die logistische Verbindung von der Basisstation zum Wanderer stand; der Fernschreiber tickte unablässig die aktuellen Wetterberichte der durchwanderten Ländereien; vom riesigen Deckenmonitor des Überwachungsraums strahlte hell das Regenradar; eine bemannbare Drohne auf dem Garagendach stand für Aufklärungs- und Rettungseinsätze aus der Luft zur ständigen Verfügung (ok, bei den letzten Punkten ist mir etwas die Phantasie durchgegangen, aber der Rest stimmt!)

Jedenfalls war ich mir meiner enormen Verantwortung für das Gelingen, für das Erreichen des großen, ja unmenschlich harten Ziels bewußt. Wir hatten vorher einige mit dem Auto erreichbare Punkte an der Wanderstrecke vereinbart und die ungefähre Zeit veranschlagt, an denen Marianne sie passieren könnte. Nachts wollte Marianne vom Gipfel des Hühnerbergs mit mir telefonieren und eine Lagebeschreibung geben, ob sie schon am Bahnhof Hanau-Wilhelmsbad Unterstützung brauchte. Spätestens bei Kilometer 53 rechnete ich fest mit einem Einsatz, und war auch gern bereit, um drei Uhr nachts dorthin zu fahren. Jedoch, Marianne untersagte edelmütig jede Aktion, da sie mit ihrer neu gefundenen Wanderpartnerin einen idealen Lauf hatte. Auch die Dietesheimer Schleuse oder die Mühlheimer Fähre bei Kilometer 59 wären nicht nötig. Na gut, dachte ich mir, und legte mich leicht frustriert schlafen.

Helferin Christiane: Im September habe ich an eine Nachtwanderung – entlang dem Frankfurter Grüngürtel (62 km) teilgenommen. Zwei Frauen, unter anderem Christiane*, und ich hatten uns einem Teilnehmer angeschlossen, der über FB zur Nachtwanderung eingeladen hatte. Die Wanderung ist einen eigenen Erfahrungsbericht wert. Falls ich dazu komme, hole ich das später nach.