94 – 102 km | Nach Umleitung ins Ziel

Leider hatte ich in der letzten Zeit zu viel um die Ohren. Deshalb kommt der letzte Teil zum Megamarsch-Bericht jetzt mit so großer Verzögerung.

Eine Reise geht zu Ende

Eigentlich gibt es nichts mehr zu erreichen

Nun sehne ich mich doch dem Ziel entgegen, auch wenn gleichzeitig schade ist, dass damit mein kleines Abenteuer zu Ende geht. Die Grundspannung lässt deutlich nach. An deren Stelle tritt eine tief reichende Erschöpfung. Vielleicht liegt es daran, dass ich nun fast sicher sein kann, ins Ziel zu kommen. So wie jetzt, voll im Energiesparmodus unterwegs, könnte ich tatsächlich noch weiter als bis Langen gehen. Verrückt ist das! Damit ist das Thema eigentlich erledigt, denn nun weiß ich ja, dass 100 km zu Fuß durchaus zurückzulegen sind. Es gibt somit, abgesehen vom Zielort, nichts mehr zu ergründen oder Interessantes zu erreichen.

Langen rückt in sichtbare Nähe. Im Kopf fast zu hellwach, spüre ich zugleich ein müdes Brennen in den Augen. So als hätte ich ein Fieber ohne Hitze, das mich ein wenig dem Boden enthebt. Die Sonne im Gesicht, die Wärme …, es ist ein bisschen viel für meine Haut, und doch bin ich zu träge, mein Allwetter-Hütchen aus dem Rucksack zu holen. Zu dem Zweck müsste ich ja den Brustgurt lösen, dann den Rucksack – vom Beckengurt weiterhin gehalten – nach vorne drehen, die Verschluss öffnen … Ne! Der Rhythmus meiner Schritte würde gestört, das ist mir viel zu anstrengend. ich bin doch eh gleich da!

Was ist mit der mentalen Stärke?

Eine Sache macht mich nachdenklich, beschäftigt mich für einige hundert Meter lang: Inzwischen kann ich davon ausgehen, dass eine Erwartung nicht erfüllt wird: Wie oft hatte ich im Vorfeld von der mentalen Stärke gelesen, die man für diese Wanderung benötigen würde. Sogar in den Teilnahmebedingungen stand etwas darüber. Ich hatte immer wieder darüber nachgedacht, ob ich diese Stärke überhaupt mitbringen würde. Konnte es nicht vorhersagen. Und nun sind es nur noch wenige Kilometer ins Ziel, so dass ich kaum mehr damit rechnen kann, mentale Stärke noch einsetzen zu müssen. Im Grunde hatte ich längst alles gegeben, als das Blut in den Füßen war, und ich kaum noch voran kam. Doch zu dem Zeitpunkt wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, mich mental aufrichten zu müssen, wie etwa ‚Hey, ich setze jetzt mal mentale Stärke ein, dann geht es weiter.‘ Für solche Gedanken gab es nicht einmal Raum. Womöglich auch deshalb, weil zu wenig Blut im Gehirn war. Jetzt drängt es mich wirklich nicht mehr danach, diesbezüglich noch einmal auf die Probe gestellt zu werden.

Im Spiegel der Spaziergänger

Nahe Langen beobachte ich ab und an Spaziergänger, die verwundert stehenbleiben, und dem Teilnehmer, der mir etwa hundert Meter voraus marschiert, hinterherschauen. Vielleicht waren ihnen bereits andere Teilnehmer aufgefallen? Aufgefallen, weil diesen die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben steht. Ein Mann, und später ein älteres Ehepaar fragen mich, wohin wir gehen und wie viele Kilometer wir schon gewandert sind. Auf meine Antwort zeigen sie typisch erstaunte Reaktionen, so als sei das nur schwer vorstellbar. Darin erkenne ich mich wieder. Vielleicht erscheint mir deshalb alles so unwirklich, weil ich nun tatsächlich bis hierher gekommen bin. Dazu auf eine im Grunde doch unspektakuläre Weise. Nämlich indem ich einen Schritt nach dem anderen gemacht habe. Eigentlich ganz einfach, und trotzdem so schwer. Vom Verstand her bekomme ich es nicht so recht auf die Reihe. Es bleibt unwirklich.

97 km + 2 km = 98 km

Kurzfristig veränderter Streckenverlauf

Diese Streckenabschnitt wurde relativ kurz vor dem Start von den Veranstaltern geändert. Aufgrund einer Wegsperrung wurde eine Umleitung (die um das Gelände des Turnverein Dreieichenhain führt) nötig, und bringt einen Zusatzkilometer. Ich hatte es nachts vor dem Start noch in der MM-Gruppe gelesen. Oder hatte ich eine Mail bekommen? Keine Ahnung, ich habe es vergessen. Jedenfalls hatten die Veranstalter wohl nicht mehr ausreichend Zeit, die bereits angebrachten Km-Schilder dem neuen Verlauf anzupassen. Zwischen den Schildern „97 km“ und „98 km“ gilt es ganze zwei Kilometer zurückzulegen. Mir wäre das gar nicht aufgefallen, weil ich mehr „Schritt um Schritt“ im Fokus habe, und weniger die noch zurückzulegende Distanz. Erst durch eine andere Teilnehmerin werde ich wenig später darauf kommen.

Nicht mehr verkehrstüchtig

Worauf ich nicht vorbereitet bin, ist, dass dieser Umweg an einer lebhaft befahrenen Straßen entlangführt. Mangels Fußweg sind wir genötigt, dem Verkehr auf dem Seitenstreifen entgegen zu gehen. Da deswegen vermehrt Vorsicht und Konzentration gefordert sind, merke ich erst jetzt, wie unbeschreiblich müde ich tatsächlich bin.

Um nicht unter die Räder zu geraten, halte ich mich neben der weißen Linie auf dem schmalen Streifen hin zur Fahrbahnkante. Immer wieder drifte ich zur Fahrbahn hin ab, muss mich korrigieren. Nur, um mich schon bald wieder in Richtung Fahrbahn bewegend zu finden. Ich weiß nicht mal, wie das kommt, dass ich nicht geradeaus gehe. Ja doch, die Konzentration hält immer nur für Sekunden, dann ist sie weg. Es ist enorm anstrengend, die Spur zu halten. Als endlich das Schild mit dem roten Pfeil auftaucht, dieses damit von der Straße fort in baumreiches Gebiet weist, bin ich sehr erleichtert.

Dass das Überqueren der Straße auch eine Herausforderung ist, wird mir erst klar, als ich es erfolglos versuche. Ein Blick nach links, dann nach rechts … schwer zu erkennen, wie schnell die herannahenden Fahrzeuge hier sein werden. Wieder ein Blick nach links und nach rechts. Ja, gibt es das denn? Es gelingt mir nicht die Entfernung einzuschätzen. Die Einschätzung benötigt so viel Zeit, dass die Gelegenheit jedes Mal vorbei ist, wenn ich mich endlich zum Gehen entschieden habe. Dann geht das Spiel von vorne los. Das ist so krass, dass ich kurz befürchte, gar nicht über die Straße zu kommen, wenn ich kein Risiko eingehen will. In einem total sicheren Augenblick renne ich schnell rüber. Dass ich noch rennen kann, finde ich selbst unglaublich.

Erschöpfung

Kaum abgebogen sehe ich eine Teilnehmerin vor mir, die vor Erschöpfung mit gerundetem Rücken, tief vorgebeugt, einen Fuß vor den anderen setzt. Ihr Tempo schätze ich auf 3,5 km/h. Als ich mit ihr auf einer Höhe bin, kommt sie fast zum Stehen, und es bricht aus ihr hervor: „Was ist das für ein Scheiß!“ Sie spricht wie eine Weinende ohne Tränen: „Seit dem Schild mit der 97 bin ich bestimmt bald zwei Kilometer gegangen, aber das nächste Schild kommt und kommt einfach nicht. Das kann doch nicht wahr sein! Was ist das für eine große Scheiße. Ich kann nicht mehr. Ich kann wirklich nicht mehr.“ Ihre Schultern sacken noch weiter nach vorn, so als würde sie im nächsten Moment in sich zusammenfallen. Ihre Stimme ist aber noch recht kraftvoll, da geht bestimmt noch was!

Ich stimme ihr zu: „Das ist richtig, Du irrst dich nicht. Der Abstand zwischen 97 und 98 km beträgt tatsächlich zwei Kilometer!“ Ich erzähle ihr, was ich am Vorabend darüber gelesen habe.

Vielleicht macht es ihr Mut, wenn sie weiß, dass es tatsächlich noch voran geht, auch wenn der Eindruck ein anderer ist. Doch im Gegenteil, nun „heult“ sie richtig auf, flucht aus vollem Herzen und scheint von schwächenden Gedanken fortgerissen zu werden. Ich lasse meinen inneren „Drill-Sergeant Hartman“ ein bisschen raus. Was sie schließlich zum Lachen bringt, vielleicht weil ich in der Rolle etwas unglaubwürdig bin. Mit dem Lachen wird es leichter, wir gehen wieder schneller.

Bis sie fragt: „Wie weit ist es vom Ziel bis zum Bahnhof in Langen?“

Oje, was soll ich machen, es gibt ja nur eine Antwort: „Zwei Kilometer etwa.“

Damit beginnt alles von vorne. „Was ist das bloß für ein großer Sch…“

„Mein Mann holt mich mit dem Auto ab. Ohne ihn jetzt gefragt zu haben: wir bringen dich zum Bahnhof. Ich bin ganz sicher, dass er das wirklich gerne machen wird!“ Ich nicke ihr zu: „ Nimm ’s an!“

Ihre Augen antworten, ein Strahlen schafft es durch den müden Schleier. Sie erklärt: „Ich habe noch ein Tuch von einer Teilnehmerin im Rucksack. Das muss ich zurückgeben. Sie ist hinter mir geblieben. Ich muss warten,. Ich kenne ihren Namen nicht.“ Mit diesen Worten lässt sie sich zurückfallen.

„Ist okay“, sage ich, „wir finden am Ziel wieder zusammen!“

Hmm, merkwürdig, mein Mann hat sich noch nicht wieder bei mir gemeldet. Ich rufe kurz an: „Ich bin gleich im Ziel. Bist du schon da?“

Er: „Ich bin in Langen, finde aber keinen Parkplatz. Wie lange brauchst du noch?“

„Höchstens zehn Minuten“

„Ich versuche es zu schaffen.“

99 km bis Ziel

Unerwartet beginnen meine Hüftbeuger zu ziepen. Und oha, plötzlich nimmt die Erschöpfung rasant zu. Auf dem letzten Kilometer gibt es in 200 m-Abständen Kreidemarkierungen auf der Straße, die verraten, wie weit noch zum Ziel. Vermutlich soll das motivieren? Mir macht das den letzten Kilometer unnötig schwer. Zweihundert Meter erscheinen mir wie fünfhundert Meter.

Dann höre ich in der Ferne Lautsprecherdurchsagen. Menschen stehen an der Straße und schauen mir entgegen. Und da, der Zielkanal … viel mehr Menschen, als ich mir vorgestellt habe, stehen dort und applaudieren nur für mich, weil vor oder hinter mir gerade kein anderer Teilnehmer geht.

Ins Ziel nach 22h 55m

Ein roter Teppich kommt in Sicht, an dessen Ende blicken mir die Damen vom Megamarsch-Team lächelnd entgegen. Das sind eindeutig viel zu viel auf mich gerichtete Blicke. Doch auch das werde ich jetzt noch schaffen. Im nächsten Augenblick hängt die Medaille um meinen Hals. So ist das also. Auch ganz unspektakulär wie das Wandern selbst.

Wanderpass

Mein Mann ist tatsächlich nicht da, zumindest kann ich ihn nicht entdecken. So lasse ich mir am Tisch die Urkunde aushändigen und den Wanderpass abstempeln.

Keinen Parkplatz gefunden

Danach setze ich mich mit dem Finisher-Bier auf eine Bank und gucke durch die Gegend – wie bestellt und nicht abgeholt. Die Flasche ist halb geleert, da sehe ich meinen Mann mit gestresstem Gesichtsausdruck auf mich zu hasten.

„Ich muss bald zum Auto zurück, ich habe keinen Parkplatz gefunden!“

„Machst Du ein Finisher-Foto von mir? Zur Erinnerung?“

Er macht eine Aufnahme, schaut aufs Display und strahlt zufrieden. Die Aufnahme ist offenbar gut gelungen.

„Schickst es mir auf Whats App, bitte?“

„Da wirke ich aber ziemlich plemplem.“

Er: „Ich finde das schön, das ist doch gut!“

„Bitte, noch einen Versuch!“

Besser so?

Nach 28 Stunden geht es endlich heimwärts

Da war doch was? Genau! „Ich habe einer Teilnehmerin zugesagt, wir würden sie zum Bahnhof fahren. Ist okay?“

„Bring sie mit zum Parkplatz, ich muss jetzt echt hin!! Ich warte dort.“

Er läuft so schnell davon, dass ich darüber ins Grübeln komme, wo er das Auto wohl hingestellt hat. Womöglich mit offener Fahrertür, um zu signalisieren, dass das Auto eigentlich gar nicht parkt, sondern eher fast schon fährt?

Ich trinke das Bier aus, schaue mich um. Vielleicht würde ich Lilja sehen, oder Chan, wenn sie ins Ziel kommt. Doch sehe ich keine von Beiden. Die erschöpfte Teilnehmerin und ich finden bald zusammen, machen uns auf dem Weg zum Parkplatz, wo mein Mann auf uns wartet.

Über das Internet habe ich am Tag drauf herausfinden können, dass Chan später auch noch ins Ziel gekommen ist.

In die Erholung fallenlassen

Die Erinnerung an den Zeitraum zwischen Auflesen der Teilnehmerin, sie zum Bahnhof in Langen zu fahren, dann die Heimfahrt, das Ankommen daheim … alles ist wie in wohlig warmen Nebel gehüllt. Mit dem Erreichen des Ziels habe ich mich innerlich wohl fallengelassen. Zuhause habe ich mich auf die Couch gefläzt, unter eine weiche Kuscheldecke, und etwas gegessen. Zwei Stunden habe ich auf der Couch geschlafen. Danach war ich wieder fit und genoss ausgiebig, angekommen zu sein. Im Ziel und zuhause. Das Sitzen und gedankenleere Schauen füllten mich vollkommen aus.

Eine Woche etwa hielt der friedliche und tief entspannte Zustand an. Ein Zustand von tief reichender innerer Ruhe und wohliger Gelassenheit. Dazu waren so viele Eindrücke zu verarbeiten, ich kam kaum damit nach. Hundert Kilometer geballt auf 24 Stunden bedeuten nicht nur eine physische Anstrengung. Die vielen körperlichen Erfahrungen, teils war es Neuland für mich, das alles muss erst einmal bewältigt werden. Während dem Marsch ist es nicht zu leisten. Irgendwann danach stellt man fest, dass sich das Erlebnis wie eine riesige ZIP-Datei in einem entpackt hat.

88 – 94 km | müde

Bericht vom Supporter

Endlich ein Anruf, wo ich denn sei, sie sei gleich am Anglersee. Nein!!! Das konnte doch nicht wahr sein! Dann musste das vorhin ja doch… Marianne gewesen sein! Kreuzdonnerwetter nochmal! Was nun? Macht doch nichts, behauptete Marianne unglaublich tapfer – oder betäubt von der berüchtigten Wandereuphorie? – treffen wir uns eben am Keltendenkmal, bei Kilometer 90. „Zu Befehl!“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, wendete den Wagen und ließ den Motor aufheulen. In einem Affentempo raste ich gen Urberach und ließ die keuchenden Wanderer in einer Staubfahne zurück. Aber wie komme ich eigentlich genau zum Keltendenkmal? Den Weg zum Anglersee hatte ich mir genau gemerkt, und das Keltendenkmal kannte ich ja gut. Aber wo geht der kleine Fahrweg ab? Von der Straße nach Darmstadt doch, oder? Mit hohem Tempo gelangte ich schließlich an die Landstraße – aber hier geht kein Weg zur Bulau hoch! Oh je! Verfahren! Mit quietschenden Reifen wendete ich, touchierte sportlich einige Hasen und schoß zurück in den Ort. Diesmal fand ich – nach verzweifeltem Martern meines aufgeregten Hirns – die gesuchte Abzweigung auf Anhieb und stand, doch noch zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit, am Keltendenkmal. Oder kam ich wieder zu spät?

Nach bereits drei Minuten tauchte auch schon Marianne auf. Gott sei gedankt! Ich sank betend auf die Knie, rappelte mich wieder hoch, und wir fielen uns glücklich in die Arme. Jetzt konnte einer guten, wenn auch knappen Erholungspause von kaum zehn Minuten nichts mehr im Wege stehen. Erleichtert packte ich danach die Körbe wieder zusammen, fuhr für eine Stunde nach Hause.

Vom Anglersee zum Keltenzug

Zwischen dem Anglersee und dem Keltenzug liegen nur zwei Kilometer. Jedoch ist dabei ein kleiner Höhenunterschied hinauf zur Bulau zu bewältigen. Anfangs graut mir ein bisschen davor, weil ich nicht einschätzen kann, wie viel Saft tatsächlich noch in der Beinmuskulatur ist.

Ich beginne ein bisschen zu schnaufen, mein Körper mag sich nicht mehr anstrengen. Sobald ich nicht drauf achte, werde ich langsamer. Aber langsamer machen heißt auch, die Zeit der Anstrengung zu verlängern. Uff, gleich ist die Kuppe erreicht, und in gut fünfzig Metern öffnet sich der Wald zur schönen Aussicht hin. Dort sehe ich auch schon meinen Mann, der mich ebenfalls gerade erkennt.

Das Bild an dieser Stelle ist etwas irreführend. 🙂

Mein Mann sieht heute ganz besonders ausgeschlafen und frisch aus. Oder kommt mir das nur so vor, weil ich mich selbst so klebrig, staubig und durchgeschwitzt fühle? Als wir uns umarmen, ich mich fast ein bisschen in seine Arme reinfallen lasse, bekomme ich eine Ahnung vom Ausmaß meiner Müdigkeit und Erschöpfung. Die steigenden Temperaturen – in Langen werden an diesem Oktobertag 25° C im Schattten erwartet – bekomme ich in Form einer sonderbaren Schwere zu spüren. Im Kopf ein tonloses Dröhnen, das sich wie eine lichte Watteschicht über meine Sinne legt.

Der Sog der Müdigkeit

Mein Mann läuft zum Auto, holt eine Wolldecke heraus und breitet sie, wie von mir vorgeschlagen, vor einem Maschendrahtzaun aus. Dort gibt es einen Pfahl, gegen den ich im Liegen, mit hochgestreckten Beinen, die Füße stemmen kann. Zwar habe ich keine Beschwerden, die darauf deuten, dass wieder zu viel Blut in den Füßen ist, aber ich möchte dem vorbeugen. Ich werde vor dem Ziel keine weitere Pause mehr machen.

Auch andere Teilnehmer nutzen diesen Platz, der eine schönen Sicht zum Spessart und dem Odenwald bietet, für eine Rast. Einige sitzen auf einer Bank, andere am Rand des Grabhügels. In einigen Gesichtern finde ich meine eigene entspannte Haltung gespiegelt: Wenn uns jetzt nichts Außergewöhnliches widerfährt, werden wir das Ziel erreichen.

Ich lege mich auf die Decke, genieße deren weiche Struktur, und strecke die Beine gen Himmel. Mein Mann erzählt dass er mich an der Alfred-Nobel-Straße nicht erkannt hat, weil mein Tempo und damit meine ganze Erscheinung nicht seinen Erwartungen entsprochen haben. Dazu war er nicht sicher, welches Shirt ich gestern angezogen habe. Ein bisschen übertreibt er mit seinen Beschreibungen, bringt mich damit zum Lachen.

Das gemeinsame Lachen, die damit einhergehende Entspannung, das wohlbehütete Ruhen im Sonnenschein … Klammheimlich hat sich der Schweinehund herangeschlichen und mich mit seiner Trägheit eingelullt. Wohlbehagen. Dazu eine berauschende Müdigkeit, der mich am liebsten hingeben möchte, um in den Schlaf zu sinken. Was ist das herrlich hier zu liegen, die Augen zu schließen, … — Achtung, wachbleiben!

Die letzte Pause vor dem Ziel

Ein Blick zur Uhr verrät, dass ich nicht nur wenige Minuten, sondern bereits fünfzehn Minuten pausiere. Mit einer entschlossenen Bewegung setze ich mich auf: „Ich mache mal los. Nur noch zehn Kilometer. Wenn alles gut geht, bin ich in zwei Stunden in Langen.“ Tatsächlich, mit dem Aufsetzen bekomme ich sogar Lust auf diese Kilometer. Mir wird klar: heute bin ich fit genug, um die 100 km zu erreichen. Vielleicht habe ich nur diese eine Gelegenheit in meinem Leben. Wer weiß, was das Altern mit sich bringt. Diese Gelegenheit will ich nutzen, und – soweit das möglich ist – auch genießen.

Zunehmender Ausnahmezustand

Es geht gut voran. Eigentlich habe ich diesen Streckenabschnitt, der entlang der Dreieichbahn führt, von früheren Wanderungen her als viel länger in Erinnerung. Es liegt vielleicht an den qualvollen 60er und 70er-Kilometern. Das Vorankommen war so zäh gewesen. Währenddessen hatte ich die eigentliche Herausforderung der 100 km hinter mich gebracht, ohne das geahnt zu haben. Im Verhältnis dazu vergehen Zeit und Kilometer jetzt viel schneller.

Dreieichbahn

Eingeschränktes Wahrnehmen

Schnell erreiche ich den Minigolfplatz in Dreieich-Offenthal. Hier sind viele Menschen zusammen gekommen. Ich bemerke, wie schwerfällig – fast unwillig – mein Gehirn die einströmenden Informationen verarbeitet. Menschen, viele Menschen auf einem Platz … Ich komme schließlich darauf, dass hier vielleicht eine Veranstaltung stattfindet. Mehr Klarheit zu erlangen, gelingt mir nicht. Der Film – also das reale Geschehen vor mir – scheint zu ruckeln und zu stocken. Es fällt mir schwer, mich auf Details zu fokussieren, einzelne Gesichter zu erkennen. Ich erlebe das als Einschränkung, fühle mich wirklich beschränkt, und hoffe, es merkt mir niemand an. Zugleich erinnere ich mich, dass ich im vergangenen Jahr mal hier vorbeigekommen war und damals ein Pferd gesehen hatte, das vor einem Kiosk anstand. Na ja, zumindest sah es aus der Perspektive so aus. Heute ist hier jedoch kein Pferd zu sehen.

Der Weg führt direkt am Minigolfplatz entlang. Hier steht – im Zwielicht von Sonne und dem Schatten werfenden Herbstgrün der Bäume – eine Frau, die mir ein Silbertablett voller Riegel und Gebäckstückchen entgegen hält. Sie lässt mich nicht weitergehen, ehe ich ein Stückchen nehme. Nein, nicht nur eines, sondern: „Bitte, nehmen Sie noch eins! Möchten Sie frisches Wasser?“ Sie weist mit der Hand irgendwohin, ich blicke in die Richtung, ohne etwas Entsprechendes zu entdecken. Ich habe meine Trinkblase am Auto aufgefüllt und brauche nichts. Ich bedanke mich bei ihr, lasse meine süße Beute in der Getränkehalterung verschwinden und setze den Weg fort.

94 KM – DISTANZ IST, WAS DEIN KOPF DRAUS MACHT

Atmen als Ausdrucksform

Mir fällt auf, dass die Abstände zwischen den Teilnehmern nicht nur immer größer geworden sind, sondern sich längere Zeit unverändert halten. So als gingen einige schon längere Zeit mit diesem Abstand hintereinander her. Inzwischen hat wohl jeder seinen ganz eigenen Rhythmus gefunden. Einmal gehe ich eine Weile neben einem Teilnehmer her. Es ergibt sich, da sich unser Tempo nur geringfügig unterscheidet. Wir wechseln ein paar Worte. Der hörbare Atem – der eigene und der des anderen – ersetzt jede andere Form der Kommunikation und stellt mich in der Hinsicht rundum zufrieden. Bemerkenswert finde ich das nicht – das wird es erst im Rückblick.