Die Nufteffte | Buchtipp

Buchcover zu "Die Nufteffte" von Robert Bohnerwachs. Das Coverbild zeigt Daphne Mavron und Hubrecht kurz vor einer kurzen Kutschfahrt nach Uhlenhain
Buchcover

Buchtitel: Die Nufteffte

Nufteffte = eine mit cremeweißem Satin ausgeschlagene Schachtel zum Aufbewahren von Collageschnipseln

Autor: Robert Bohnerwachs

Klappentext

Eine Frau wird zum Schicksal für zwei deutsche Schrottplatzbetreiber in der Gemeinde Uhlenhain.

Zwei verhaltensauffällige Männer, Hubrecht und Karl-Bert, sitzen mit ihren abgespaltenen Anteilen am Stammtisch. Ohne Hoffung und Lebenswillen dämmern die Männer dahin. Bis eines Tages eine Frau erscheint, die Langhantelakrobatin Daphne Mavron aus Südfriesland, von schrecklichem Durst in die Kneipe getrieben. Ihre Gegenwart weckt in beiden Männern lange verschüttetes Empfinden und entreisst sie der Lethargie, in der sie dahinvegetierten. Die Männer vergelten ihr die aufopfernde menschliche und herzlich zupackende Fürsorge, die ihnen den Glauben an die Zukunft zurückgibt, jeder auf seine Weise mit heftigem Widerwillen oder tiefer Verehrung.

Robert Bohnerwachs schrieb mit dieser erschütternden und an dramatischen Höhepunkten reichen Novelle das Gegenstück zum Bestseller „Die Hütte in der Härschurtei“

Leseproben

Bis plötzlich jemand schrie: „Daphne Mavron steht am Fenster!“

Wie wenn jemand die beiden Männer umgestoßen hätte, so geriet alles in Bewegung. Hastig griffen die beiden nach Stützkondom und Schwimmnudel, bedeckten sich damit notdürftig, stürzten zur Seite und verkrochen sich auf den Pritschen, während ihre zittrigen Stimmen zischelten: „Diese verdammte blöde Kuh.“ – „Wen von uns sucht sie sich jetzt wieder aus.“ Aber ihr Gesicht am Fenster war längst verschwunden.

Einige Seiten weiter:
Hubrecht starrte sie an, sagte nichts. Er machte nur eine Bewegung mit der Hand, dass Daphne sich setzen sollte. Sie tat es stumm.

Hubrecht schob ihr die Flasche hin. „Trink das!“ Daphne wollte abwehren, aber sie kannte Hubrecht. Er war in einer Stimmung, in der man ihn nicht reizen durfte. Sie nahm die Flasche, setzte sie an den Mund und trank. Der Affentaler war korkig. Er kratzte in ihrer Kehle, dass sie sich schütteln musste. Fast hätte sie den Spätburgunder wieder herausgespien. Hubrecht glotzte sie mit stierem Blick an.

Dann sagte er: „Was hältst von mir?“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Was du von mir hältst.“ Hubrecht beugte sich vor, starrte Daphne an. „Wer bin ich, wie bin ich?“ fragte er. „Was glaubst du denn?“

Er griff nach der Weinflasche, setzte sie hastig an und trank, dass ihm der Wein über das Kinn rann. Mit dem Handrücken wischte er die Tropfen weg.

„Los“ fuhr er sie an, „Du hast doch gehört, was sie hier erzählen.“

„Ich habe nichts gehört“, antwortete Daphne verstört. Und bei sich dachte sie: Was will der von mir? Was weiß ich denn?! Trainieren will ich, mindestens zehn Kilo mehr stemmen als beim letzten Mal, sonst nichts.

Hubrecht sagte: „Die Frauen haben Angst. Vor mir haben sie Angst. Aber sie wissen nicht, dass sie keine zu haben brauchen. Es ist nämlich verboten, sich mit mir anzulegen. Ich bin Schrottplatzbesitzer, mache Wassergymnastik und mein Kürbis ist immer der dickste!“

Er schrie wie von Sinnen: „Ich werde dich einsperren lassen!“

Daphne sagte nichts. Hubrecht trank wieder. Er nahm einen maßlosen Schluck und richtete den wirren Blick wieder auf Daphne.

„Ich habe in Uhlenhainstadt studiert“, sagte er „und sitze jetzt hier und lasse mir von einer Frau wie dir … oder Dich? Äh … die Zeit stehlen! Was denkst du, was das für ein Leben ist? Das ist kein schönes Leben, das ist ein Hundeleben.“ Hubrecht geriet in unergründliche Traurigkeit. Er rülpste und ließ keinen Blick von der Frau.

Und sprach schließlich weiter: „Ich habe dir nichts getan. Nichts, was du nicht längst schon wüsstest.“ Er packte Daphne am Arm.

„Ja …“, sagte sie verträumt. Und sie überlegte: Wie komme ich aus dieser Nummer raus? Soll er doch zum Schwimmnudeltraining gehen! Aber Hubrecht hatte Angst allein ins Wasser zu gehen.

Das Buch endet mit folgenden Sätzen:
Karl-Berts Lächeln verzog sich wieder zu einem wirren Grinsen. Sie sah es nicht, aber sie spürte es. Und dann fuhr der Pritschenwagen holpernd an, riss sie fort aus dem Bild. Den sehe ich bestimmt wieder, dachte Daphne Mavron, und sank auf der Ladefläche nieder um zu beten.

Ich sollte vielleicht anmerken, dass es dieses Buch nicht gibt. Ich könnte es vielleicht noch schreiben.

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Einladung zu einem interaktiven Blog-Experiment, einer digitalen Nachtwanderung – Komm einfach mit!

Ausgerechnet morgen komme ich erst später heim, versuche aber nachzuzügeln:

Teilnehmerkarte zum MItnehmen – Grafik: JvdL
Donnerstag ab 17:30 (Prolog) Wanderung ab 20:30 Uhr – Nachzügler willkommen
Musik: Martin Kratochwil, genannt Kurzweil – Einzelheiten hier.

Ursprünglichen Post anzeigen

Alltag 1

Das Projekt „Alltag“ von Ulli initiiert, hat mich spontan angesprochen. Alltag … dieser findet jeden Tag statt, da würde sich schon etwas finden, so dachte ich. Doch wie ich alles unter diesem Blickwinkel betrachtete, ging mir auf, dass es gar nicht so einfach ist, Alltägliches zu finden. Nimmt man den Alltag genauer unter die Lupe, so erkennt man, dass Dinge und Situationen in irgendeiner Weise alltäglich und doch einzigartig und besonders zugleich sein können. Ist Alltag wirklich möglich?

Eine Bahnfahrt …

Auf den letzten Drücker war ich in die S-Bahn gesprungen, fand noch einen freien Sitzplatz im Fahrradabteil.  Erleichtert, nicht noch eine halbe Stunde auf die nächsten Bahn warten zu müssen, stelle ich die Sporttasche mit dem Badmintonschläger neben meine Füße, so dass der schräg nach oben weisende Schlägergriff direkt Halt an einer Haltestange findet, und sich nicht quer in den Gang legen wird. Ich nehme mein Tablet aus der Tasche, um ein eBook zu lesen.

Ein vorwurfsvolles leises Stöhnen lenkt mich ab. Es kommt von einem Mann meines Alters, bekleidet mit schwarzer Radlerhose, schwarzem Shirt, schwarzen Sommerschuhen und schwarzen Socken. Er schiebt sein schwarzes Fahrrad durch den Gang, kommt kaum voran, denn die losfahrende Bahn zieht ihm den gewonnenen Boden direkt unter den Füßen weg. Ein hörbar unsicheres Scharren seiner Schuhsohlen verrät, das er ein Wanken zu verhindern sucht, während er diesen gewissen kleinen Moment zu lang braucht, um schrittweise auf die zunehmende Beschleunigung der Bahn zu reagieren. Zugleich linkisch anmutende Versuche, die Kontrolle über sich und sein Rad nicht doch noch zu verlieren, während es ihn wieder nach hinten wirft. Er kommt keinen Schritt weiter.

Sein verärgerter Blick verharrt kurz in meinem Gesicht. Ich deute dies im ersten Moment so, als wolle er damit sagen, dass ich unrechtmäßig den ihm zustehenden Sitzplatz besetze, da ich ganz offenkundig ohne Fahrrad unterwegs bin. Jedoch sind noch einige Plätze frei.

Da ich aber auf dem ihm nächsten Platz sitze, bin ich geneigt, ihn zu fragen, ob ich beiseite rücken und den Platz für ihn freimachen soll. In diesem Augenblick gibt er seinem Rad einen von Zorn beherzten Stoß — mit vorwurfsvollem Blick zu mir, so als verwehrte ihm allein mein Blick das Vorwärtskommen. Er wendet sich ab, presst die Lippen zusammen und wirkt entschlossen, einen nun endlich vollzogenen Schritt vorwärts auf keinen Fall wieder zurückzugeben. Allein schon, um meiner wohl als aufdringlich empfundenen Aufmerksamkeit schnell zu entkommen. Ein Blick aus seinem Augenwinkel in meine Richtung, dazu ein vorwurfsvolles Stöhnen, als er sich mit einem Sprung auf den übernächsten Platz rechts von mir rettet, während sein Fahrrad sich günstig an der Haltestange verkeilt. Sein durch den offenen Mund ausgestoßene Atem ist schwer alkoholgeschwängert. Ein weiteres Aufstöhnen gilt mir und meiner Aufmerksamkei, die es mit der Penetranz seiner Alkoholausdünstungen zweifellos aufnehmen kann. Ich habe Sorge, er könne auf mich stürzen, sich in meinen Schoß erbrechen. Ich muss doch auf der Hut sein, um rechtzeitig fortspringen zu können. Das muss er doch verstehen!
Nach einigem Hin und Her gelingt es ihm, seinen Körper anatomisch passend in den Sitz zu wuchten.

Beim nächsten Halt der Bahn kommt sein Oberkörper ins Wanken, sein Klapphandy landet mit einem Knall auf dem Boden. Wohl aus dem Schlaf gerissen, stiert er einen Moment verständnislos in die Luft. Dann, wie von einem Verstehen, hellt sich sein Gesicht auf, und mit dunklem Ächzen hebt er das Handy auf, lässt die Klappe aufspringen. Die Uhrzeit leuchtet auf, und in seinem Gesicht zeichnet sich ein zufriedener Ausdruck ab.

Die Fahrt geht weiter, sein Kopf sinkt langsam auf die Brust. Mit einem harten Knall landet sein Handy erneut auf dem Boden, trudelt in meine Richtung. Mit einer kurzen Verzögerung schreckt er auf, und schaut geradeaus ins Leere; verdutzt, als könne er nicht glauben, dass da niemand vor ihm steht, den er dafür verantwortlich machen kann, so abrupt geweckt worden zu sein. Dann zeichnet sich doch nahende Erkenntnis in seine Gesichtszüge. Verärgert, mit einem Knurren in meine Richtung, so als sei ich es gewesen, die sein Handy kraft meiner Aufmerksamkeit zu Boden geschleudert hat, nimmt er es an sich. Wieder mit einem Aufklappen. Die Uhrzeit leuchtet auf. Sein Atem ist etwas ruhiger geworden.

Ihm gegenüber sitzt ein Mann, der sein Fahrrad lässig am Gepäckträger festhält, und in kurzen Abständen der Rahmenhalterung eine Glasflasche entnimmt, die mit blassgelber Zitronenlimonade gefüllt ist. Dieser Fahrgast ist etwa so alt wie ich. Seine schwammig wirkende Gestalt ist etwas aus der Form gerutscht. und doch macht er den Eindruck eines Schulbuben. Faszinierend … Die Bahn macht einen leichten Bogen. Die tiefstehende Sonne nähert sich langsam von der Seite meinem Gegenüber, und hält schließlich direkt über seine Schulter inne. Ein orangegrelles Licht dringt in meine Augen. Halbblind wende ich meinen Blick nach rechts, vorbei am erneut Eingedösten, hin zu einem grauhaarigen Geschäftsmann. Mein Blick trifft auf seine kühlblauen Augen. Sein Gesicht bleibt unbewegt; weder wendet er seinen Blick ab, noch ist darin ein Zeichen zu sehen, dass er das Treffen unserer Augen überhaupt bemerkt hätte. Mit einem Mal fühle ich mich tief entspannt. Alles ist gut: einer trinkt Limo, der andere schläft seinen Rausch aus, und der dritte ist geistesabwesend.

Ich nehme mein Tablet, lese mit offenem Mund, weil ich selbst zu träge geworden bin, etwas auf mich zu geben.