Magischer Mainbogen

35 bis 43 km | WirGehenWeiter3

Es folgt der wohl traumhafteste Abschnitt, vielleicht sogar der schönste.

Mainbogen | etwa 8 km von der Carl-Ulrich-Brücke (links unten) bis Rumpenheim/ Fähranleger

Fechenheimer Mainbogen am Abend

Vom Hafenplatz/ Ecke Hafendeck sind es nur fünfhundert Meter bis zur Carl-Ulrich-Brücke. Einer Wegschleife folgend, gelange ich zurück an den Main. Beim Passieren der letzten Laterne bemerke ich am fernen Brückenpfeiler einen Mann. Nichts Bemerkenswertes, nur allein wegen seines Aufmerkens und der Tatsache, dass er mich im Blick behält, erfasst mich eine erhöhte Wachsamkeit. Meine Lauscher wachsen gefühlt zu Grammophontrichtern heran, jedoch mit der Funktion von Hörrohren, die sich nach hinten ausrichten. Nur gut, dass meine Ohren beim angestrengten Lauschen nicht verräterisch laut quietschen. Bringt es mir tatsächlich mehr Sicherheit, wenn ich in bestimmten Situationen — so wie jetzt: dunkel und bald allein unterwegs — Menschen als mögliche Verfolger betrachte? Ich sehe sowieso nicht alles. Wer weiß denn, was alles im Dunkel ist? All diese Fragen begleiten mich ein bisschen, bis sie sich — noch ehe ich stimmige Antworten finde — ohne mein Zutun verlieren.

Zur rechten Seite, vom Ufer her, aus meiner Sicht verborgen hinter Büschen und Bäumen, erklingt Musik aus Bluetooth-Lautsprechern, dazu der Geruch eines offenen Feuers. Stimmen junger Menschen – Partytalk. Vielleicht eine kleine, geheime Mainuferparty?

Mit jedem weiteren Schritt verliert sich das Wahrgenommene. Die Augen gewöhnen sich gerade an die Dunkelheit, da streife ich den beleuchteten Vorplatz einer Gaststätte. Dann hat mich die Dunkelheit wieder. Die Flut der Sinneseindrücke wird so angenehm eingedämmt, im Kopf kehrt Ruhe ein und fast unmerklich gelange ich in diesen typischen Dunkel-Modus: wenn die äußere Welt nicht mehr richtig zu erkennen ist, rücken andere Wahrnehmungen deutlicher ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wodurch sich die Umgebung von einer anderen Seite zeigt.

37 km | Angst vor einem plötzlichen Erschrecken

Ein Blick zurück. Welch fantastischer Himmel!

20:35 Uhr | Umgeben von Bäumen und Büschen, liegt der Weg vor mir unsichtbar im Dunkel. Beim Blick zurück lassen mich die hellen Wolken einen Augenblick innehalten. Es ist so, als schickten mir die Lichter der Stadt noch einen Abschiedsgruß hinterher. Wären die Bäume nicht, leuchteten mir die Wolken den Weg. Mit dem Blick wieder nach vorn, erscheint es mir noch finsterer als zuvor. Ich sehe nicht mal meine Hand vor Augen! Mit einem Male kommt die Idee eingeschossen, ein Mensch könne mir entgegenkommen. Wir würden womöglich ungebremst zusammenprallen. Mehrmals widersetze ich mich dem Impuls, meine Arme lang nach vorne auszustrecken, um ein mögliches Hindernis rechtzeitig zu ertasten. So langsamen Schrittes komme ich jedoch kaum voran. Ein bisschen lächerlich komme ich mir auch vor. Vermutlich ist hier kein Mensch. Und falls doch, hätte er bestimmt eine Taschenlampe an, so stockfinster wie es hier ist. Ah Moment, da fällt mir ein … ich selbst bin ohne Licht unterwegs! Es wäre also möglich … Welch einen Schreck ich bekäme, ich berührte plötzlich jemanden! Brrrh. Mich durchfährt eine Angst vor dem Erschrecken. In nächster Sekunde könne es soweit sein. Oder in der nächsten Sekunde. Der übernächsten? Meine Augen fühlen sich an, als wären sie weit aufgerissen. Hilft nur nichts. Zögernd ertaste ich den On-Knopf der Stirnlampe, fürchte den Moment der „Erleuchtung“, denn wer weiß, was sich im Lichtschein offenbart? Stirnlampenlicht … ON! Und? Der Weg liegt frei vor mir. Nichts und niemand da. Phew.

Klar, die Umgebung bekommt durch das Licht ein unheimliches Eigenleben. In den Büschen und Sträuchern bewegen sich gleitende Schatten. Da, leuchtende Augen? Ein hektisches Rascheln von aufgescheuchten Nagetieren, so vermute ich. Dann ist es wieder still. Baumwurzeln durchbrechen den Asphalt. So, jetzt ist aber mal Schluß mit Gruseln!

Angst wandelt sich in stille Freude

Als ich schließlich ins freie Feld gelange, der neu angelegte Weg schemenhaft auch ohne LIcht zu erkennen ist, schalte ich die Stirnlampe aus. Die Luft ist hier viel frischer, der Lärm der Stadt verliert sich. Der Altarm des Mains ist vage zu erkennen. Die Wasseroberfläche glänzt dunkel. Alle Vorbehalte fallen von mir ab, ich bin Teil der Natur, Teil der Dunkelheit. Stilles Dasein … Welch ein Geschenk, hier an diesem Ort zu sein. Noch einen langen Weg vor mir zu haben, erfüllt mich mit stiller Freude. So durch und durch zufrieden wird mir bewusst, dass ich selbst es bin, die sich mit jedem weiteren Schritt aus dieser wunderbaren Situation schon wieder heraus bewegt. Viel zu schnell, und doch angemessen für das Ziel.

Das Ende des ersten Mainbogens kommt in Form dunkler Umrisse einiger Bäume in Sicht. Dort in etwa liegt der Fechenheimer Friedhof.

39 km | Licht und Schatten

Die Wipfel der hohen Bäume schirmen den Weg vom Restlicht des Himmels ab. Wieder tapse ich völlig im Dunkeln. Dieses Mal beunruhigt es mich nicht. Doch bald kann ich nicht mehr bestimmen, ob ich mich mitten auf dem Weg, oder rechts oder links auf diesem bewege. Als der Untergrund unter meinen Füßen mit einem Male nachgiebiger ist, vermute ich, vom Weg abgekommen zu sein und knipse die Stirnlampe an. Wieder zurück auf den Weg. Kurz darauf tuschelnde Männerstimmen. Nach der Biegung fällt das Licht der Stirnlampe auf drei Männer, die auf einer Bank vor der Friedhofsmauer sitzen. Sie verstummen, schauen mir mit gesenkten Blicken entgegen. Soll ich Hallo sagen? Doch diese Sekunde, in der es sich richtig anfühlte das zu tun, stellt sich nicht ein, und im nächsten Augenblick liegt die Situation schon hinter mir.

Weiter geht es im Wechsel von Licht und Schatten der Straßenlaternen. Rechts verläuft die Straßenbahn. An der Straßenbahnhaltestelle steht ein Mann und studiert den Fahrplan. Eigentlich hatte ich erwartet, dass hier um diese Zeit noch etwas mehr los ist. 

Fast 40 km | Wechsel auf die andere Mainseite

Arthur-von-Weinberg-Steg

21:05 Uhr | Nach dem Auftauchen aus dem Schutz der Dunkelheit fühle ich mich im hellen Licht der Brücke irgendwie nackig. Tausend Hände bräuchte ich, wollte ich mich bedecken, wie ich gerne wollte. Bald wird mich die Dunkelheit wieder einhüllen, mir Tarnkappe sein. Am Ende der Brücke, ehe ich nach links abbiege, halte ich inne, lasse die Umgebung auf mich wirken. Nur um mich davon zu überzeugen, dass sich niemand für mich interessiert. Ein Spaziergänger naht, in Gedanken versunken überquert er die Brücke. Ansonsten keine Bewegung. Alles ruhig, alles gut.

Rumpenheimer Mainbogen

Direkt links vom Arthur-von-Weinberg-Steg liegt der Campingplatz Offenbach-Bürgel. Der Weg führt an der rückwärtigen Seite der Toilettenanlage vorbei. Vom Gebäude strömt ein unglaublich scharfer Uringeruch in meine Nase. Ist meine Nase zu empfindlich? Das kann doch nicht sein, dass sich niemand darum kümmert, etwas dagegen zu tun? Unweigerlich halte ich die Luft an. Boah, vielleicht wird hier wegen der Jahreszeit oder wegen Corona momentan nicht richtig gereinigt? Schnell weg hier.

Mich aufgehoben fühlen

Die Campingplatzanlage zurücklassend, den Blick gen Nacht. Am Mainufer die Flammen eines Lagerfeuers. Ein vom Feuerschein erhelltes Antlitz ist eher zu erahnen. Viel zu fern, um Genaueres zu erkennen. Es duftet so gut nach brennendem Holz, dass ich die Wärme fast zu spüren glaube.

41 km | Blick zum gegenüber liegenden Mainufer

21:15 Uhr | Hier ist es stiller als am ersten Teil des Mainbogen. Die Umgebung scheint zu ruhen. Nur das leise Rascheln meiner Kleidung ist zu hören. Selbst das versuche ich zu vermeiden. Verblüfft registriere ich meinen Gedanken, der mir sagt, ich könne davon ausgehen, hier am Mainbogen keinem Menschen zu begegnen. Wie kann ich da so sicher sein? Es fühlt sich so an! Die Natur heißt mich willkommen, mit schützenden Armen. Was für kindliche Gedanken. Aber es stimmt, so kommt es mir vor. Einfach genießen! Dazu Freude darüber, die Strecke hier entlang geplant zu haben. So ein Glücksgriff. Der dunkle Main mit den Spiegelungen ist ein zuverlässiger Wegweiser. Schade, dass dieser Streckenabschnitt nicht länger ist.

Wie versprochen sende ich meinem Mann den aktuellen Standort

Es riecht nach Mensch

Keine hundert Meter weiter, kurz vor einem Reitplatz, etwa einen halben Kilometer vom Rumpenheimer Fähranleger entfernt, stellen sich plötzlich meine Nackenhaare hoch. Irritiert bleibe ich stehen. Es riecht nach … nach … Mensch?! Hmm, ich richte meine „Antennen“ in alle Richtungen. Doch es ist niemand zu hören oder zu sehen. Mein Kopf sagt: Es ist niemand (mehr) hier. Merkwürdig, ich fühle mich trotz dieser kurzen Irritation weder besorgt noch ängstlich. Letzteres ist ja fast noch merkwürdiger, als sowas wie “Mensch” zu riechen. Das Gefühl für die Zeit verloren, muss ich mich daran erinnern, dass erst später Abend ist. Bis hierhin fühlte ich mich eher wie in eine sanft-dunkle Zeitfalte gefallen, die ohne Anfang oder Ende ist. Etwas, das mir erst durch diesen „Bruch“ im Erleben bewusst wird. Nach zwei Schritten verliert sich der Geruch, dann auch das eigenartige Gefühl in meinen forschend zitternden Nasenflügeln, und damit ist die Sache aus dem Kopf.

43 km | Fähranleger

21:50 Uhr | Am Rande des Rumpenheimer Schlossplatzes, außerhalb des beleuchteten Bereichs, die Stimmen von Jugendlichen. Musik. Ich streife in etwas Entfernung vorbei, ohne dass mich einer von ihnen bemerkt. Jetzt geht es erst einmal weiter am Main entlang, bis hin zur Rodau, deren Verlauf ich dann in Richtung Mühlheim folgen werde.

18 bis 35 km | WirGehenWeiter3

Trigger

18 km | STABIL

Im Frankfurter Stadtwald – nordöstlich des Geiswaldkreisels

STABIL, das spricht mich an, denn so fühle ich mich tatsächlich. — Hier kreuzen sich einige Wege. Welcher der Wege, die nach links abzweigen, ist nun der richtige? Die Ohren helfen ein wenig bei der Orientierung: der Verkehr von der Sprendlinger Landstraße klingt anders als das Rauschen von der etwas ferneren Autobahn.

20 km | Maunzenweiher

Der Maunzenweiher im Frankfurter Stadtwald

Innehalten. Vermutlich ist dem Wetter geschuldet, dass hier niemand außer mir unterwegs ist. Die Ruhe, die der Anblick der Wasseroberfläche vermittelt, geht auf mich über. Das 100 km-Ziel liegt unwirklich fern. Es steht erst für den kommenden Tag im Kalender. So als gebe es nicht mal einen Zusammenhang mit der Tatsache, dass ich inzwischen 20 km zurückgelegt habe.

Die auf dem Schild ruhende Katze legt nahe, dass ich richtig vermute: Der Name des Weihers hängt irgendwie mit Katzen zusammen. Inzwischen habe ich nachgelesen: In diesem Waldgebiet sollen früher einmal Wildkatzen heimisch gewesen sein.

Ein Stückchen weiter steht eine Bank. Pause! Schuhe aus, Beine hochlegen, strecken und dehnen. Die zweite Hälfte der Laugenstange wandert in meinen Bauch. Nach nur zehn Minuten hält mich nichts mehr. Weiter geht ‘s!

Unerwartete Begegnung

Der Maunzenweiher liegt keine fünfhundert Meter zurück, da verwehrt mir ein Jagdhund den Weg. Drohendes Gehabe, das ich nicht recht einordnen kann. Jeden Moment erwarte ich den Hundehalter um die Ecke kommen. So ist es aber nicht. Als ich mich auf etwa 15 m angenähert habe, springt der Hund aufgebracht in die Höhe, schießt kerzengerade hoch, dann wie wild die ganze Wegbreite hin und her, hin und her, errichtet er mit Sprüngen einen gefährlichen „Zaun“. Wie ein Tiger im Käfig. Oder eher so, als sei ich die im Käfig, die ausbrechen will. Er fletscht die Zähne, knurrt drohend, im Wechsel mit kurzem Bellen. Bleibe ich stehen, beruhigt sich der Hund., auch wenn er wie auf dem Sprung angespannt bleibt. Kaum wage ich den nächsten Schritt, verteidigt er „sein“ Revier. Wo bleibt der Hundehalter? Die Signale des Hundes mahnen, es könnte vielleicht Probleme geben. Ich rufe laut ins Blaue, nein ins Grüne: „Haaallo, bitte rufen Sie ihren Hund zurück!“ Nichts … Na sowas. Noch ein Versuch, ziemlich laut: „Haaaallo?!“ … wieder nichts. So als wäre gar kein Mensch in der Nähe. Ich habe keine Lust zurückzugehen, doch mit dem Hund ist nicht zu spaßen.

Plötzlich kommt ein zweiter Jagdhund angeschossen. Der erste Hund wirkt kurz unentschlossen, stiebt dann wie ein Blitz davon, der zweite hinterher. Ich kann mein Glück kaum fassen, dass es sich vielleicht von selbst erledigt. Da das Gebell mal näher und mal ferner ist, gebe ich Gas, um ganz schnell dieses „Jagdgebiet“ zu verlassen. Irgendwann ist das Gebell verklungen, das Waldgebiet liegt hinter mir. Ob die Hunde jemandem ausgebüxt sind?

23 km | Abendstimmung

Brücke über die Darmstädter Landstreaße

Die Menschen ziehen sich aus dem Wald zurück. Auf den Parkplätzen werden Fahrzeugtüren geöffnet, am offenen Kofferraum werden einem Hund die Pfoten abgewischt. An diesem Freitagabend sind nicht mehr viele Menschen unterwegs. Eine Stimmung, die ein eigenarttiges Gefühl in mir auslöst: Wie aus einem Alltagsfilm gefallen – dabei doch nur ein freiwilliges Zurückbleiben in der Natur. Der Rückzug der Mitmenschen macht mir erst bewusst, dass ich den langen Weg noch vor mir habe. Der lange Weg, das ist für mich der Weg durch die Nacht. Wobei es im September nicht ganz richtig ist, die Dunkelheit mit der Nacht gleichzusetzen .

25 km | Bisschen mulmiges Gefühl

Waldrebe | Letzer Hasenpfad

Das Foto der Waldrebe ist für mich aufgeladen: mit Erinnerungen an die Gedanken, die ich auf diesem Wegabschnitt habe, mit den Gefühlen in Anbetracht der vor mir liegenden Stunden. Müsste ich für alles einen Oberbegriff wählen, wäre es: „klamm“. Es wird bald dunkel werden. Bekomme ich vielleicht doch noch Angst? Kurz blitzen Fantasien durch den Kopf, wie ich mitten im Mainbogen in der Dunkelheit vor Angst schlottere und kaum weiterkomme. Oder gar einer realen Gefahr ausgesetzt bin! Weg mit solchen vorauseilenden Spukbildern! Zurück zur Gegenwart.

Ein Blick auf die Karte; noch rund zwei Kilometer bis zum Ziegelhüttenplatz, wo ich etwas Essbares kaufen will. Außerdem muss der Wasservorrat aufgefüllt werden. Zwei Kilometer, um zu Überlegen, was ich kaufen soll. Appetit habe ich auf nichts.

Pause an der Holbeinstraße

Gegen 18:30 stehe ich vor einem Bäckertresen. Das Angebot ist reichlich ausgedünnt, und nichts davon spricht mich an. Doch in den Supermarkt, vor allem in die Warteschlange vor der Kasse, will ich nicht. Außerdem fühle ich mich, was mein Äußeres angeht, etwas unwohl. Bisschen staubig, die Haare zerzaust, also nicht gesellschaftsfähig. Ein einsames Stück Apfelkuchen … hm … okay, warum nicht. Ich lasse es einpacken, gehe raus, lege alles auf einer Bank ab, verstaue die Maske in der Bauchtasche und überlege, bis hin zum Main zu gehen, um dort eine Pause zu machen. Apfelkuchenessen mit Blick auf den Main. Gute Idee.

In der Annahme, der Kuchen stecke mitsamt Pappteller in einer Tüte, trage ich diese am zusammengefalteten oberen Ende. An einer roten Ampel wartend, bemerke ich zufällig aus dem Augenwinkel, dass das Kuchenstück unten aus der Tüte rutscht. Es ist gar keine Tüte, sondern nur mit knapp bemessenem Papier umwickelt. Unglaublich, dass das Kuchenstück nicht längst auf den Boden geklatscht ist. Das Papier ist durchweicht. Da ich den Kuchen nicht offen auf der Pappe vor mir her tragen möchte, schon gar nicht bis zum Main, halte ich Ausschau nach einem Sitzplatz, der etwas abseits der Menschenströme liegt. Auf dem Grünstreifen zwischen den parallel verlaufenden Holbeinstraßen entdecke ich eine Bank. Wirklich schön ist es hier nicht. Im Sitzen beginne ich bald zu frösteln. Der heiße Kaffee fehlt. Als der Kuchen verspeist ist, mache ich mich gleich wieder auf den Weg.

29 km | 18:50 Uhr

Rechts im Bild der Holbeinsteg über den Main

Wenige Minuten erfreue ich mich am Leuchten des Sonnenuntergangs, da verschwindet die Sonne schon wieder hinter den Wolken. In wenigen Minuten verfinstert sich der Himmel, und kurz darauf beginnt es zu regnen. Der Regenhut kommt zum Einsatz. Es wird jetzt viele Kilometer am Main entlanggehen. Um Akku zu sparen, schalte ich die nicht benötigte Sprachnavigation stumm.

Unter sieben Brücken musst du gehen …

Nein, es sind sogar mehr. Untermainbrücke, Eiserner Steg, Alte Brücke, Ignatz-Bubis-Brücke, Flößerbrücke, Deutschherrnbrücke, Osthafenbrücke, Staustufe Offenbach. Unter einer dieser Brücken haben junge Erwachsene einen kleinen Tisch und Windlichter aufgebaut. Aus Bluetooth-Lautsprechern ertönt Musik. Die Gespräche sind verhalten. Kleine Insel der Geborgenheit. Unter einer anderen Brücke, mehr im Dunkel, einige Schemen, süßlicher Rauch schwebt in der Luft.

33 km | Erinnerungsinduzierter Alarmzustand

Links der Main, rechts kommt das Gewerbegebiet. Nicht schön, erst recht nicht im Regen, aber bald geht es ja raus ins Grüne.

Kaiserlei | Wie schön ein Tedox leuchten kann

Sechshundert Meter weiter geht es unter die Kaiserleibrücke hindurch. Fast von jetzt auf gleich ist es dunkel geworden. Vor Monaten, als ich hier auf einer Wandertour vorbeikam, gab es unter dieser Brücke eine unangenehme Begegnung mit einem Wegelagerer. Diese Erinnerung löst einen gewissen Alarmzustand in mir aus. Jetzt, im Dunkel, dazu geblendet von den Straßenlaternen, ist kaum etwas zu erkennen. Ja, und schon liegt die Brücke hinter mir. Die Anspannung lässt langsam nach.

Plötzlich ein lauter Knall direkt hinter mir! Vor Schreck mache ich einen Sprung nach vorn. In meiner Brust schlägt es hart. Ich blicke mich nach dem Verursacher um, ohne etwas zu erkennen. Das muss ein Böllerschlag gewesen sein. Diese Schattenwürfe im Fastdunkel. Das Unbehagen treibt mich zu schnelleren Schritten an. Auch wenn ich vermutlich nicht Ziel des Böllers war, habe ich keine Lust auf noch eine Zufalls-Attacke. BUMM! Ein zweiter Böllerschlag, dort wo der erste aufschlug. Och nö, auf so blöde Trigger hätte ich gut verzichten können.

35 km | Offenbacher Hafen

Der Blaue Kran im weißen Licht

Und weil der Untergrund so schön den Regen dokumentiert, gleich noch eine Aufnahme unterhalb des Krans:

Fahrradzählstelle

20:10 Uhr | Am Hafenplatz/ Ecke Hafendeck angekommen, setze ich den Rucksack ab, um mich in Ruhe für den Weg durch die Dunkelheit vorzubereiten. Gleich geht es hinaus in die Natur, hin zum renaturierten Main-Altarm. Das Pfefferspray, das ich bis jetzt in der Tasche verwahrt habe, kommt griffbereit an den Beckengurt. Allerdings weht ein spürbarer Wind. Im Notfall müsste ich sehr schnell entscheiden, ob ich riskieren will, mich mit einem Sprühstoß selbst außer Gefecht zu setzen. Die Stirnlampe hänge ich erst mal um den Hals.

Start | WirGehenWeiter3

Die Routenplanung

Für die hundert Kilometer schwirrren ein paar Aspekte im Kopf herum, die mir wichtig sind. Die daraus resultierenden Basispunkte, bilden die Pfeiler der gesamten Strecke:

  1. Wechsel zwischen Natur und urbaner Atmophäre
  2. Zum Start ins Grüne
  3. Nachts wechselnde Streckenabschnitte: mal Licht, mal Dunkelheit
  4. Ab Einbruch der Dunkelheit möglichst menschenleere Natur
  5. Irgendwo ab 50 km nahe Homebase vorbeikommen
  6. Für das letzte Viertel der Kilometer eine noch unbekannte Strecke gehen

Streckenverlauf

Aufzeichnung der Tour

25. September 2020

13:45 Uhr | Dann mal los!

Ein angenehm stressiger Vormittag, der kaum Zeit zum Nachdenken oder für hibbelige Zustände lässt, liegt hinter mir. Das Veranstaltungsfeeling fehlt, und damit auch das Adrenalin in den Adern.

Schließlich ist der Rucksack geschultert, ein High Five mit meiner Tochter, dann fällt die Haustür hinter mir ins Schloss. Ich starte die Aufzeichnung/ Navigation und stelle die App stumm. Den ersten Teil der Strecke kenne ich. Vormittags hatte es geregnet. Ein prüfender Blick zum Himmel … Vielleicht bleibt es noch eine Weile trocken. Schon liegt die erste Hausecke hinter mir.

Das Startbändchen hatte ich kurz vor dem Aufbruch eher gedankenlos übergestreift und festgezogen. Erst dann fiel mir ein, dass es sich nur noch mit der Schere wieder öffnen lässt.

Na, dann soll es wohl so sein, ich werde es über die Strecke tragen. Immerhin ein Erkennungszeichen, falls mir – wider Erwarten – ein Megamarschierer begegnen sollte.

Das Tempo finden

Schon fünf Minuten unterwegs!

Es ist so, als würde ich zu einer der üblichen Walkingrunden aufbrechen. Ohne das Drumherum der Veranstaltung erscheint das ganze Vorhaben eher unwirklich. Etwas mehr Respekt vor der vor mir liegenden Strecke müsste ich eigentlich empfinden? Doch empfinde ich vor allem eines: eine seltsame Unbeschwertheit. Vielleicht, weil ich mich im Vorfeld an allen möglichen Sorgen und Bedenken wiederholt abgearbeitet hatte. Bedenken wegen der Stunden allein in der Dunkelheit. Bedenken wegen meiner Unentschlossenheit, ob es in der freien Natur oder in der Stadt sicherer wäre. Immer wieder die Frage: Wie gefährlich ist es wirklich, als Frau allein unterwegs? Die einen sagen so, die anderen sagen so.

Und sowieso, was nicht alles eintreten könnte! Manchmal, ganz für mich allein, waren schon mal ängstliche Sekundentränen geflossen, weil mir mein “Mut” etwas Sorge bereitete. Kann ich mir und meinem Körper eigentlich trauen, mir die Herausforderung zutrauen? Ach was, ich muss mir nichts zutrauen. Aufgeben ist immer eine Option! Sonderbar, dass nun zum Aufbruch alles Dunkle verflogen ist. Eine Unbeschwertheit, die sich auch körperlich so leicht anfühlt, als habe ich vergessen, etwas Wichtiges in den Rucksack zu tun.

5 km | Hessischer Fernradweg R4

Eine rund vier Kilometer lange Schneise … gefühlt endlos in ihrer Gleichförmigkeit. Diesen Abschnitt hatte ich bewusst eingeplant. Er würde mir die Ruhe und Zeit geben, mich innerlich zu sortieren, genau zu spüren, wie meine körperliche Verfassung ist. Wie ich meine Kräfte einteilen soll, welche Strategie heute passen könnte. Mein ursprünglicher Vorsatz war, mit relativ hohem Tempo zu starten, um dadurch Zeit für eine längere Pause zu gewinnen. Darauf habe ich jetzt überhaupt keine Lust, sondern “weiß” plötzlich, dass es besser ist, über die ersten 50 km ein etwa gleiches Tempo zu halten. Genau, es mir gutgehen lassen, das ist die Devise!

11 km | Schlossallee Heusenstamm

An diesem trüben Tag übt der bunt umgarnte Baum ein starke Anziehungskraft auf mich aus. Fehlte nur noch, dass ich ihn umarme. Doch er könnte auch mich umgarnen. Und dann? Einige Schildchen hängen dran, von Schulanfängern beschriftet. Gute Wünsche für die Gesundheit. Ich setze mich auf die Bank, um kurz zu telefonieren. Nicht lange, denn der Tatendrang bringt mich gleich wieder auf die Beine.

Oh nein!

Da ich erst kürzlich ein Sommerhütchen gefunden hatte, musste ich dieses Fundstück auch fotografieren

Meist liegen eher einzelne Handschuhe am Wegrand, ist ein verlorener Hut die neue Mode? Beim Anblick der Chipsdose durchfährt mich ein klitzekleines Erschrecken: Über all die kleinteiligen Erledigungen am Vormittag habe ich vollkommen vergessen, was Ordentliches zu essen. Wie blöd kann man sein, ohne stärkende Grundlage auf so eine lange Wanderung zu gehen? Ich ärgere mich ein bisschen über mich. Schließlich geht doch nichts über prall gefüllte Kohlenhydratspeicher. Es widerstrebt mir, jetzt schon meinen Proviant anzugreifen. Hungring bin ich auch nicht. Aus Vernunftgründen esse ich eine Hälfte der Laugenstange. Mit etwas Bedauern, denn wie gut hätte die später, bei einem Bärenhunger, geschmeckt.

Uhrenvergleich

14 km | Die Uhrzeit stimmt. Seit zweieinhalb Stunden unterwegs. Die Zeit ist wie im Nu vergangen. Irgendwie wirkt diese Uhr hier fast fehl am Platz. Eine klitzekleine Irritation ist in mir, so als verstehe ich etwas nicht richtig. So als fehle eine Information. Ich schaue mich suchend um, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Genau genommen … Was genau sollte hier fehlen? Wie komme ich darauf? Was es wohl mit dieser großen Uhr auf sich hat?

Die Uhr hat mir keine Ruhe gelassen, inzwischen habe ich recherchiert: Das Uhrtürmchen war ursprünglich die Turmspitze der Mathildenschule, die im Jahr 1976 abgerissen werden musste. Die Turmspitze wurde vor dem Abbruch gerettet und steht seitdem für sich allein vor dem Gebäude der Arbeiterwohlfahrt im Hainbachtal (Offenbach).
Mehr dazu, auch Aufnahmen alter Postkarten, die die Mathildenschule zeigen: Wem die Stunde schlägt

Schön genug, um vom Weg abzukommen

Am Hainbach

15 km | Während ich das Uhrtürmchen hinter mir lasse, aktiviere ich die Sprachnavigation, erreiche bald den Hainbach, und folge dem Weg an seiner rechten Seite. So ein angenehmer Untergrund, wohlig-weich und gut zu meinen Füßen. So ruhig die Umgebung, wie wenn die Zeit spurlos vergeht.

Gerade als ich mich so richtig über diesen idyllischen Weg freue, meldet Komoot: „Sie haben die Tour verlassen, bitte schauen Sie auf die Karte.“

Nein!! Das darf ja wohl nicht wahr sein. Was bin ich für ein Traumtänzer. Also wieder zurück. Schöner Weg, ja ja.

Der GPS-Empfang ist wegen der Wolken und Bäume nicht on point. Dazu gibt es viel mehr Wege und Pfade als auf der Karte eingezeichnet sind. Alles sieht gleich aus. Das zögerliche Gehen kostet Zeit. Die App zeichnet meinen Weg auf, und zwar einen auf der Karte nicht vorhandenen Weg, der aber immerhin eine Annäherung zur geplanten Route andeutet. DIe Richtung stimmt, was will ich mehr.

Endlich der Hinweis: „Sie sind zurück auf der Tour, die Navigation wird fortgesetzt.“ Forschen Schrittes geht es wieder besser voran.

Die folgenden drei Kilometer schweigen meine Gedanken. Ab dann setze ich meinen Bericht hier wieder fort.