Innerer Konflikt – fernes Ziel

93 km bis 101 km | WirGehenWeiter3

9:40 Uhr | Mit jedem Schritt hämmert sich der Schmerz in den Kopf. Jeder Gedanke dreht sich nur noch darum: Wie gehe ich jetzt damit um? Kann sein, es liegt an meiner Weinerlichkeit, dass der Schmerz schlimmer erscheint als er ist?

Ein paar Tränen rinnen über das nasse Gesicht, vielleicht sind es auch nur ein paar dicke Regentropfen. Warme Regentropfen vor leiser Verzweiflung und Enttäuschung. So kurz vorm Ziel. Eine trotzige Stimme in mir schmollt: ich geh doch nicht über 90 km, um dann aufzugeben!

Ich weiß ganz klar, ich sollte genau das tun, aber bin zu schwach. So wenige Kilometer noch …
Bin ich echt so bekloppt? Wofür? Der Schmerz erzählt längst, dass ich dafür einen Preis zahlen werde. Wo bleibt die Vernunft?

Die Unentschlossenheit schwächt mich, zu dem Schmerz noch hinzu. Eine entschlossene Seite in mir, die sich einfach nicht aufhalten lassen mag, hat die Oberhand. Gespeist von einer deutlich spürbar vorhandenen Leistungsfähigkeit, die mich vermutlich auch noch 110 oder mehr Kilometer gehen ließe. Geballte und zielgerichtete Energie, die vorantreibt – gegen die Vernunft. Das ist so widersprüchlich, dass ich heulen könnte. Was tun? Ich brauche eine zweite Meinung

Die zweite Meinung

Zur Dramaturgie: Der Regen ist nicht wirklich schlimm. Meine Stimme klingt jedoch, als schütte es wie aus Eimern. Wohl weil ich mich in die Wahrnehmung meines Mannes hineinzusetzen versuche, der wegen mir jetzt in den Regen raus müsste. Er soll wissen, worauf er sich einlässt. Doch sein Angebot ist sehr verlockend, deshalb:

Die Audiodateien sind hier als Text wiedergegeben
= GIMPly Fake-WhatsApp designed by me
Seine Stimme klingt so: sanft und einfühlsam, anfangs zögernd, dann mehr ratlos drucksend

Was er sagt und was ich höre
Er sagt: “Wenn du überhaupt noch laufen kannst, dann ist das ja noch gut genug!”
Ich höre: “Alles kein Problem! Solange das Bein nicht abfällt, würde ich mir keine Sorgen machen!”

Ich muss nun wirklich leise lachen. Zum einen bin ich gerührt, weil er so um eine wirklich hilfreiche Antwort ringt. Andererseits hat seine ernste Feststellung auch etwas Komisches. Mein Lachen verunglückt etwas, während es sich mit dem Weinerlichen eint. Zugleich wirkt es wie Medizin, die alles ein wenig leichter macht – für etwa zweihundert Meter.

Eine neue Nachricht kommt rein:
Kann dich aber nicht mit dem Auto aholen, wenn ich jetzt mit Fahrrad komm.” //ploing//

Was denkt er denn! Ich will doch nicht mit dem Auto abgeholt werden! Kraftfahrzeuge dürfen hier eh nicht durchfahren – das beruhigt mich. Während ich noch überlege, was ich antworten könnte, kommt eine weitere Nachricht:

Gut, dann fahre ich gleich los” //ploing//

Ich wähle ein Herz-Emoji zur Antwort. Nach einigen Versuchen mit nassem Finger kann ich es auslösen. Es fliegt ihm entgegen, wireless! Man muss sein Herz loslassen können. Andererseits … kann es eigentlich etwas Herzloseres geben als ausgerechnet ein Herz-EMOJI ohne ein paar persönliche Worte dazu zu senden? Der Schmerz macht mich gemein mir selbst gegenüber, schließlich sandte ich das Herz von Herzen.

Die Schmerzen fordern ihre Hauptrolle zurück. Ich gehe weiter, mache kurze Schritte, den Fuß in Variationen aufsetzend, immer im Grünstreifen neben dem asphaltierten Radstreifen. Dann und wann Hundekot zum Ausweichen. Angenehm! Nicht der Kot, sondern die durch den huckeligen Untergrund gegebene wechselnde Belastung des betroffenen Schienbeins.

Nach müde kommt denkbefreit

Von fern kommen mir zwei Spaziergänger entgegen. Das bringt mich darauf, an mein Aussehen zu denken. Ogoddogod … nach dieser nassen Wandernacht sehe ich bestimmt wie eine Vogelscheuche aus. Als sie in Sichtweite kommen, verschwinde ich zum Fotografieren — alles Tarnung, klar — in eine waldig anmutende Baumgruppe. Keine Ahnung wie es dann weitergeht, der nächste Wegabschnitt liegt im Dunkel einer vergessenen Erinnerung.

Dann endlich ein Radfahrer – tatsächlich, mein Mann. Gemeinsam geht es weiter. Beruhigend, ich trage die Schmerzen nicht mehr allein. Zugleich schrumpfe ich zu einem Häufchen Elend. Das Wissen, das nun jemand da ist, der alles tun würde, um mich irgendwie nach Hause zu schaffen, meinetwegen auch schleppen oder schleifen … für den Fall, dass ich hier und jetzt einfach aufgeben würde. Mich einfach hinsetzen würde, mitten auf den Weg. Wie ein erschlaffender Luftballon. Diese krausen Gedanken sind pure Kopfsache, mein Körper ist relativ weit davon entfernt, schlapp zu machen. Das ist ja der Knackpunkt. Wäre ich müde und erschöpft, wäre hier Ende.

Kilometerstand

Die Frage nach den erreichten Kilometern stellt sich. Allerdings zu früh. Mehr muss ich nicht wissen. Das Nachdenken würde mich nur dieser köstlichen Müdigkeit entziehen. Eine Müdigkeit, die angenehm sachte wie unter meiner Hirnschale reibt. Die Müdigkeit nimmt ein wenig von dem Schmerz, macht diesen erträglicher.

VIER!

500 Meter vor der Haustür werfe ich einen Blick auf die Aufzeichnung. Meine Wangen sind heiß, vor Sorge, vor Schmerz. Rund vier Kilometer noch.

Mein Mann meint: „‘ne halbe Stunde noch, das schaffst du!”

“Niemals! Nicht mal in vierzig Minuten!” Ich rechne … “In dem Zustand brauche ich mindestens eine Stunde noch!”

“Meinst du?” Er will es nicht so recht glauben. “Ich finde, du bist immer noch ziemlich schnell unterwegs.”

Weiß nicht, Fliegen kann ich jedenfalls nicht!“

Und immer weiter tragen mich die Füße voran. Am Ortsrand sind wir allein. Stille Tränen rollen dick und heiß über die Wangen. Eine Stimme im Hinterkopf wird immer lauter: Du wirst es bereuen! Du wirst das bereuen! Ab und zu in die Hocke gehen, das ist eine Wohltat für Sehnen und Muskulatur. Da ist ein fröhlich leuchtendes Laubblatt ein guter Anlass.

Perspektive: auf dem Zahnfleisch kriechend

Mein Mann begleitet mich mit ermunternden Worten:
„Das schaffst du jetzt auch noch.“ und kurz darauf: „Wenn es zu schlimm wird, lass es lieber sein! Ich glaube aber, du möchtest es jetzt schaffen.“

„Hmh.“

Mit jedem weiteren zurückgelegten Hektometer sehe ich immer weniger Vorteil darin, jetzt noch zur Vernunft zu kommen. Jetzt kann fast nichts schlimmer werden, als es eh schon ist.

Durch die Haustür ins Ziel

Am Ende gehe ich durch die Haustür ins Ziel. So als käme ich gerade vom Brötchenholen. Ein ganz normaler Samstag mit den vertrauten Geräuschen. Als ich den Rucksack absetze kommt es mir doch etwas unwirklich vor, dass ich vor 22 Stunden aus dem Haus gegangen sein soll. Es kommt mir vor, als wäre es heute Morgen gewesen, vor Sonnenaufgang.

„Ist das nicht ärgerlich? Vom Schienbein abgesehen, hätte ich ohne Not noch einige Kilometer gehen können.“
Mein Mann nickt verständnisvoll, tröstend.

Tatsächlich hatte ich diese Möglichkeit ursprünglich mal angedacht: Einfach über die 100 km hinauszugehen, bis ich zu müde bin. Oder bis ich keine Lust mehr habe. Da sieht man es: man ist immer nur so stark wie der schwächste Teil des Körpers. In diesem Fall mein Schienbein.

Obwohl mein Körper mit wohliger Müdigkeit gefüllt ist, bin ich zu wach zum Schlafen. Erst nachmittags lege ich mich auf die Couch. In der Ruhe jedoch nagt der Schmerz bis tief in den Knochen und strahlt weit aus. Deshalb gibt es nur oberflächlichen Dämmerschlaf. Das ist in Ordnung. So wie es ist, so ist es gut. In dem seligen Zustand, der mit dem Ausruhen einsetzt, ist sowieso (fast) alles in Ordnung.

Tja, MEGA … wenn ich die Urkunde erblicke, erinnere ich mich sofort daran, wie dumm ich am Ende war.

Die wahren Sieger sind vielleicht jene, die rechtzeitig aufhören können. 

Nachtrag vom 3. Dezember 2020: Inzwischen ist der Schmerz vergessen, und ich erinnere nur noch all das Wunderbare, das ich auf der langen „Reise“ erlebt habe.

So geht Eskalation

Drei Tage nach dem Marsch war der Schmerz verschwunden. Und ich brach zu einer meiner Walkingrunden auf. Nach zehn Kilometern war der Schmerz wieder da. Mit ungutem Gefühl legte ich die verbleibenden zwei Kilometer nach Hause zurück. Glück gehabt, denn am nächsten Tag war alles wieder gut. Einen Tag darauf walkte ich erneut los. Nach nur fünf Kilometern war der Schmerz wieder da. Oje, kein gutes Zeichen.

Ab dem Zeitpunkt hätte ich an sich länger pausiert. Doch wir hatten Urlaub, und eine gemeinsame Wanderung geplant, auf die wir uns schon länger freuten. In Zeiten von Corona lernt man diese Aktivitäten noch mehr zu schätzen. Das wäre zu schade gewesen, darauf zu verzichten.

Wir starteten an der Staustufe Mühlheim. Bereits nach anderthalb Kilometern begann es unerbittlich an der bekannten Stelle zu nagen. Teif in den Knochen hinein. Mein Mann hatte sich so lange auf diese Wandertour gefreut, deshalb behauptete ich auf seine Nachfrage hin:: “Das geht schon!“

Wieder zuhause ließ der Schmerz zwar etwas, und eher zögerlich, nach, doch am nächsten Morgen – nach nur wenigen Schritten in der Wohnung – kehrte der Schmerz wie mit einem Dolchstoß zurück und blieb. Wie ein ungebetener, aber aufdringlicher Liebhaber. Jetzt hatte ich echt Muffe, mir etwas zugezogen zu haben, das mir in Zukunft noch Kummer bereiten könnte. Dazu aus eigener Dummheit, was es peinlich und besonders ärgerlich macht. Ich suchte trotzdem eine Ärztin auf und berichtete ehrlich. Fast ehrlich, denn ich stapelte an einem Punkt ein wenig tief und sagte, die Wanderung sei 40 Kilometer lang gewesen. Für die meisten Menschen ist das eine beachtliche Strecke. Erzähle ich von 100 km, so zieht das meist Fragen nach sich, die auf die Schnelle nicht beantwortet werden können. Deshalb erzähle ich nur selten davon. Schreiben ist einfach besser.

Zwangspause

„Da haben Sie es ja schön eskalieren lassen,“ meinte die Ärztin.
Sie erzählte dann, dass sie selbst mal ein Schienbeinkantensyndrom hatte, und zu früh wieder losgezogen sei. Die darauf folgende Zwangspause sei ihr Strafe genug gewesen, und habe ihr Geduld zur rechten Zeit gelehrt.

Ich nickte eifrig: „Oh jee, ja, das kann ich mir gut vorstellen!“
Ich hätte sie umarmen können, weil sie mich ohne viele Worte verstand und sogar mit mir über meine Dummheit lachte. — „Danke, Sie haben mir soo geholfen!“

Total erleichtert verließ ich die Praxis.

Dezember 2020: Nach der Pause begann ich mit ganz kurzen Strecken. Inzwischen konnte ich diese problemlos auf 40 km ausdehnen. Der Schmerz kehrte nicht mehr zurück. Glück gehabt! Eine Frage beschäftigt mich seither: Wäre ich beim nächsten Mal wieder so unvernünftig?

— Ende —

1 Kommentar

  1. Schön geschrieben, gefällt mir sehr gut! Ich habe länger nichts gelesen von Dir und bin ganz froh, daß Du weiter machst. Mir war damals eigentlich klar, daß Du die 100 km eines Tages nochmal angehen wirst. Und ja – Schienbeinkantensyndrom – wer kennt es nicht, wenn schon mal länger wird. Mein längster Lauf war 78km, so einen 199 km Marsch werde ich vielleicht auch mal machen. Im Moment schreibe ich an meinem zweiten Buch. Das erste ist in diesem Jahr erschienen. Schau mal hier.
    http://ampelpublishing.de
    Alles selbst gemacht.
    Herzliche Grüße und guten Rutsch, Guido

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