50 bis 54 km | Licht in der Nacht

Vom Hühnerberg (rot) bis Kurpark Wilhelmsbad (grün)

Der Hühnerberg, höchster Punkt der Strecke, liegt nun sieben Kilometer hinter uns, und damit auch das Gefälle. Ein leichtes Gefälle nur, doch über die Kilometer hinweg hat es Chans Knie nachhaltig zugesetzt. Immerhin wird es jetzt nicht länger getriggert, beruhigt sich hoffentlich wieder, und wir kommen vielleicht wieder schneller voran.

51 km | Wo ist der rote Pfeil?

Kurpark Wilhelmsbad

Wir erreichen den Kurpark Wilhelmsbad. Das Kurhaus liegt in hellem Licht. Am anderen Ende des Kurhauses sammelt sich ein Gruppe ratloser Teilnehmer. Einer von ihnen ruft anderen Teilnehmern, die unbeirrt an ihnen vorbeiziehen, nach: „Stopp, das ist falsch!“

Tatsächlich, zum ersten Mal auf der Strecke fehlt hier eine Markierung, oder ein Hinweis, dass hier abzubiegen ist. Weder ist das typische Kreidesymbol am Boden zu finden, noch das Schild mit dem roten Pfeil.

Der rote Pfeil vom Megamarsch

Dank dem beleuchteten Kurhaus sind die vielen Wege hier gut zu überschauen. Ich ziehe mein Smartphone raus, mit einem Blick auf die Navigation ist der richtigeWeg eindeutig zu erkennen. Ich marschiere los, doch Chan zögert, will abwarten, wie sich die anderen Teilnehmer entscheiden. Ich möchte gerne noch vor der großen Gruppe losgehen. Chan setzt sich erst in Bewegung, als auch andere Teilnehmer in meine Richtung gehen. Nur gut, dass ich mich nicht geirrt habe! Sonst wäre meine Kompetenz ab jetzt ständig in Frage gestellt.

Blasen und Blessuren

Die Bänke im und nahe dem Park sind besetzt von Teilnehmern, die vorsichtig alte Tapes von Zehen ziehen, die ihre Fersen vorsichtig befühlen, und frische Pflaster auf Wunden oder Blasen kleben.

Wir überholen eine Frau, die ihre Füße wie schwere Klötze über den Weg schiebt, dafür aber ein erstaunliches Tempo draufhat. Bei allem strahlt sie pure Entschlossenheit aus. Wie viele Kilometer sie sich wohl vorgenommen hat?

Da vor allem die Teilnehmer mit Blessuren oder Schmerzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, möchte ich für ein stimmiges Gesamtbild anfügen, dass natürlich auch viele Teilnehmer unterwegs sind, denen die bis hier zurückgelegten Kilometer kaum anzumerken sind. Manche marschieren so flott und entspannt, mit weit ausholenden Schritten, so als wären sie gerade erst aufgebrochen.

Ich hatte im Vorfeld gelesen, dass bei etwa 60 km die meisten Teilnehmer ausscheiden bzw. ausgeschieden sind.

52 km | Flüssige Kalorien – meine Rettung?

Kurpark (orange) bis Bahnhof Wilhelmsbad (dunkelblau)
mit Powerstation mit Trinkmahlzeit

Inzwischen weiß ich, dass Chan über die Strecke nicht gut informiert ist. So teile ich ihr kurz vor Erreichen einer Station schon rechtzeitig mit, was uns erwartet. So wie hier, am Bhanhof Wilhelmsbad: „Hier gibt es eine Powerstation mit einer Trinkmahlzeit.“

Bereits vor dem Start hatte ich mich über dieses Produkt informiert, ohne am Ende wirklich überzeugt worden zu sein. Bei dieser Gelegenheit möchte ich diese Trinkmahlzeit gerne probieren. Nicht nur das, sie könnte meine Rettung sein! Flüssige Kalorien wird mein beleidigter Magen vielleicht tolerieren?

Chans erste Reaktion: „Müssen wir hin?“

„Nein, das ist freiwillig.“

„Ist es weit?“

Hm … ganz sicher war ich nicht: : „Nein, es ist nicht weit.“

„Wir gehen nicht. Du brauchst nicht“, beschließt Chan. Der abschließende Punkt ist nicht zu überhören.

Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das richtig einordne. Vielleicht möchte sie damit sagen, dass wir wegen ihr nicht hingehen müssen? Ich weise Chan auf die Vorzüge der Trinkmahlzeit hin: 330 ausgewogene Kalorien und Mineralstoffe in flüssiger Form. Etwas Brennstoff können wir sicher gebrauchen.

Als Chan nun doch einwilligt hinzugehen, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, so als habe ich mit unlauteren Mitteln meinen Willen durchgesetzt.

Etwa 50 m vor der Powerstation teilt Chan plötzlich mit: „Wir gehen nicht!

Waaas? … aber ich! Unbeeindruckt bleibe ich auf dem eingeschlagenen Kurs, weise mit dem Finger zum Liichtschein „Da ist es schon!“

Chan sieht den Tisch mit den Trinkflaschen und entscheidet: „Das ist gut, wir probieren!“

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die eigentliche Aussage bei unseren kurzen Dialogen ein wenig im Dunkeln bleibt – nicht zuletzt wegen der Dunkelheit, die unseren Gesichtsausdruck oft im Verborgenen lässt.

Neben dem Stand sind einige Liegestühle aufgestellt. Fast alle sind belegt. Chan und ich staunen, können uns nicht vorstellen, jetzt so durchzuhängen, wählen eine Trinkmahlzeit aus, und setzten uns auf eine einfache Bank. Ich strecke die Beine aus, lagere das Gewicht ganz hinten auf die Fersen. Was für eine Wohltat! Vorsichtig koste ich aus dem Fläschchen mit dem Aufdruck „Schoko“. Chan hat sich für „Kaffee“ entschieden. Die Flüssigkeit ist sämig und süß, ähnlich einem schaumigen Milchgetränk, und hat einen etwas unangenehm künstlichen Nachgeschmack. Ich nehme kleine Schlucke und kaue diese. Wider Erwarten bleibt mein überempfindlicher Magen ruhig.

Wir wollen nicht viel Zeit verlieren, brechen nach einigen Schlucken wieder auf. Ich werde noch eine Stunde brauchen, um die Flasche zu leeren. So künstlich der Geschmack ist, die Trinkmahlzeit bekommt mir gut und ich spüre frische Energie.

Es geht nun rund zwei Kilometer durch Kesselstadt

Auf einer Kugel wandern

Ein Dreiertrupp überholt uns, einer sagt lustig tadelnd über die Schulter hinweg: „Mädels, ich überhole euch jetzt bestimmt zum zehnten Mal. Wie kann das sein, dass ich euch immer wieder vor mir habe?“

An seine Kumpel gewandt überlegt er laut: Vielleicht laufe ich auf einer Kugel? Kaum habe ich sie überholt, habe ich sie wieder vor mir?“

Keiner von denen antwortet ihm. Er dreht sich noch mal um und meint: „Wir sehen uns bestimmt im Ziel.“

Kesselstadt liegt dann doch schnell hinter uns und wir erreichen endlich – ja, ich empfinde ein „Puh, endlich!“ – den Main. Diesem werden wir nun viele Kilometer folgen.

Ich kenne die vor uns liegende Strecke am Main entlang und freue mich auf diesen Abschnitt durch die Natur. Wilhelmsbad und Kesselstadt hatten für einige Unruhe gesorgt, und ich merke deutlich, wie stark das von meiner Energie gezogen hat. Ich spüre ein starkes Ruhebedürfnis. Sicherlich auch deshalb, weil ich jetzt normalerweise längst schlafen würde.

54 km liegen hinter uns. Wir sind inzwischen elfeinhalb Stunden unterwegs.

41 bis 50 km | „Hessische Alpen“

8. Teil: Niederdorfelden bis Wilhelmsbad

Kleine Kaffeestation von Vater mit Töchtern

Wenige Kilometer hinter der VPS 2 erreichen wir eine Unterführung, die mit warmen Lichtern erhellt ist. An den Seitenwänden haften bunte Knicklichter. Gemeinsam mit seinen Töchtern hat hier ein Vater einen kleinen Stand aufgebaut. Es gibt – ich rieche es sofort – richtigen Filterkaffee! Daneben steht eine große Schale mit Fruchtgummis. „Bitte bedient euch!“ Der Kaffeeduft ist so verführerisch, Chan und sind uns sofort einig: Zu diesem Kaffee sagen wir nicht Nein!

Stoffbeutel mit Trinkbecher (erfreulich: keine Einwegbecher beim Megamarsch)

Ich muss nicht einmal meinen Rucksack absetzen. Der Vater entknotet den am Rucksack baumelnden bunten Beutel, in dem ich meinen Trinkbecher verwahre. Ich lasse den Becher zu einem Drittel füllen, halte den fächelnden Kaffeedampf unter meine Nase und lausche dem Vater, der erzählt, dass er im Vorjahr am Megamarsch teilgenommen hat. Das sei auch der Grund dafür, dass er diese kleine Station aufgestellt habe. Er selbst habe sich damals über ähnliche Aufmerksamkeiten gefreut. Wir loben den kräftigen, aromatischen Kaffee. Im Gegensatz zum Instantkaffee an den VPS ist das wahrer Luxus.

Da tauchen schon die nächsten Stirnlampen im Dunkel auf. Wir bedanken uns schnell, blicken in dankbare und erfreute Gesichter – obwohl doch wir die Dankbaren sind – und machen uns wieder auf den Weg. Unterwegs trinke ich den Kaffee in winzigen Schlucken, trage den Becher also lange in der Hand mit.

Bergsteigen im Hessischen

Nur die Geräusche unserer Schritte sind zu hören. Wenn das Mondlicht ausreicht, schalten wir die Stirnlampen aus. Einmal glitsche ich über einen vom Regen aufgeweichten Mistteppich und fliege fast auf die Nase. Manch große Pfütze löst einen Seitensprung im allerletzten Moment aus. Seit den Augen-OPs ist das Kontrastsehen nicht mehr so gut.

Sachte und kontinuierlich geht es inzwischen bergan. Diese leichte Veränderung im Bewegungsabablauf ist eine Wohltat, eine Erholung für die Beine. Ich spreche mit Chan drüber und muss wohl den Begriff „Anstieg“ verwendet haben. Chan zeigt sich daraufhin sehr, wirklich sehr verwundert: „Ich spüre hier keinen Anstieg.“
„Ja, Du spürst keinen Anstieg, aber für einen norddeutschen Fischkopp ist das hier Gebirge!“ Und um das zu unterstreichen: „Wie die Alpen!“
„Nein!“ entgegnet Chan und klingt dabei so entrüstet und überrascht, als zweifelte sie plötzlich an meinem Verstand.
Ich erkläre ihr den „Fischkopp“ und die beabsichtigte Übertreibung, woraufhin sie immer wieder kichert.

Sendeturm auf dem Hühnerberg

Vor dem mondhellen Himmel zeichneten sich die Umrisse des Hühnerbergs ab. Am Tage hat man hier eine schöne Sicht über Rhein-Main, die Wetterau bis hin zum Spessart. Eine Markierung auf dem Weg weist darauf hin, dass wir nun den höchsten Punkt der Megamarschstrecke erreicht haben. Erstaunlich, dass wir schon so weit gekommen sind. Ich spüre Rückenwind.

So sieht es dort am Tage aus.
Der Turm ist dank seiner Struktur nachts gut wiederzuerkennen.

Es geht bergab

Am höchsten Punkt biegen wir nach links auf die Hohe Straße ab. Damit begeben uns zugleich auf einen Abschnitt des Jakobswegs, und folgen diesem hinunter in Richtung Main.

Chans Knie schmerzt

Als ich erzähle, dass es noch eine Weile abwärts gehen wird, reagiert macht Chan ein sorgenvolles Gesicht: „Ich habe meine Kniebandage vergessen.“ Sie greift mit der Hand in die linke Kniekehle, verzieht ein bisschen das Gesicht und meint: „Es tut schon weh.“ Außerdem habe sie die Stöcke nicht mitgenommen, was sie inzwischen bereue.

Ich schlage vor, bis zum Main kurze Schritte und langsamer zu machen, falls ihr Knie das besser toleriere. Am Main entlang könnten wir ja wieder mehr Tempo machen.

Für längere Zeit wird es still zwischen uns. Jede hängt ihren Gedanken nach, meist höre ich nur den leisen Atem. Sowohl vor als auch hinter uns sind keine Teilnehmer mehr zu hören oder sehen.

Regionalparkstaton „Ruheliegen“

Schweigend durch die Nacht

Chan reagiert immer seltener, wenn ich mal einen Satz sagte. Vermutlich ist sie mit ihren Knieschmerzen beschäftigt? Oder sie möchte lieber ihre Ruhe haben? Oder ich bin zu schwer verständlich? Um mehr Gewissheit zu erlangen, müsste ich ihr ins Gesicht schauen, doch dann würde sie sofort von meiner Stirnlampe geblendet. Ich akzeptiere, es nicht genau zu wissen. Wir sind uns auch zu fremd, als dass ich sie jetzt dazu befragen wollte. Schweigend setzen wir unseren Weg fort. Die Stille zwischen uns fühlt sich richtig an.