88 – 94 km | müde

Bericht vom Supporter

Endlich ein Anruf, wo ich denn sei, sie sei gleich am Anglersee. Nein!!! Das konnte doch nicht wahr sein! Dann musste das vorhin ja doch… Marianne gewesen sein! Kreuzdonnerwetter nochmal! Was nun? Macht doch nichts, behauptete Marianne unglaublich tapfer – oder betäubt von der berüchtigten Wandereuphorie? – treffen wir uns eben am Keltendenkmal, bei Kilometer 90. „Zu Befehl!“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, wendete den Wagen und ließ den Motor aufheulen. In einem Affentempo raste ich gen Urberach und ließ die keuchenden Wanderer in einer Staubfahne zurück. Aber wie komme ich eigentlich genau zum Keltendenkmal? Den Weg zum Anglersee hatte ich mir genau gemerkt, und das Keltendenkmal kannte ich ja gut. Aber wo geht der kleine Fahrweg ab? Von der Straße nach Darmstadt doch, oder? Mit hohem Tempo gelangte ich schließlich an die Landstraße – aber hier geht kein Weg zur Bulau hoch! Oh je! Verfahren! Mit quietschenden Reifen wendete ich, touchierte sportlich einige Hasen und schoß zurück in den Ort. Diesmal fand ich – nach verzweifeltem Martern meines aufgeregten Hirns – die gesuchte Abzweigung auf Anhieb und stand, doch noch zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit, am Keltendenkmal. Oder kam ich wieder zu spät?

Nach bereits drei Minuten tauchte auch schon Marianne auf. Gott sei gedankt! Ich sank betend auf die Knie, rappelte mich wieder hoch, und wir fielen uns glücklich in die Arme. Jetzt konnte einer guten, wenn auch knappen Erholungspause von kaum zehn Minuten nichts mehr im Wege stehen. Erleichtert packte ich danach die Körbe wieder zusammen, fuhr für eine Stunde nach Hause.

Vom Anglersee zum Keltenzug

Zwischen dem Anglersee und dem Keltenzug liegen nur zwei Kilometer. Jedoch ist dabei ein kleiner Höhenunterschied hinauf zur Bulau zu bewältigen. Anfangs graut mir ein bisschen davor, weil ich nicht einschätzen kann, wie viel Saft tatsächlich noch in der Beinmuskulatur ist.

Ich beginne ein bisschen zu schnaufen, mein Körper mag sich nicht mehr anstrengen. Sobald ich nicht drauf achte, werde ich langsamer. Aber langsamer machen heißt auch, die Zeit der Anstrengung zu verlängern. Uff, gleich ist die Kuppe erreicht, und in gut fünfzig Metern öffnet sich der Wald zur schönen Aussicht hin. Dort sehe ich auch schon meinen Mann, der mich ebenfalls gerade erkennt.

Das Bild an dieser Stelle ist etwas irreführend. 🙂

Mein Mann sieht heute ganz besonders ausgeschlafen und frisch aus. Oder kommt mir das nur so vor, weil ich mich selbst so klebrig, staubig und durchgeschwitzt fühle? Als wir uns umarmen, ich mich fast ein bisschen in seine Arme reinfallen lasse, bekomme ich eine Ahnung vom Ausmaß meiner Müdigkeit und Erschöpfung. Die steigenden Temperaturen – in Langen werden an diesem Oktobertag 25° C im Schattten erwartet – bekomme ich in Form einer sonderbaren Schwere zu spüren. Im Kopf ein tonloses Dröhnen, das sich wie eine lichte Watteschicht über meine Sinne legt.

Der Sog der Müdigkeit

Mein Mann läuft zum Auto, holt eine Wolldecke heraus und breitet sie, wie von mir vorgeschlagen, vor einem Maschendrahtzaun aus. Dort gibt es einen Pfahl, gegen den ich im Liegen, mit hochgestreckten Beinen, die Füße stemmen kann. Zwar habe ich keine Beschwerden, die darauf deuten, dass wieder zu viel Blut in den Füßen ist, aber ich möchte dem vorbeugen. Ich werde vor dem Ziel keine weitere Pause mehr machen.

Auch andere Teilnehmer nutzen diesen Platz, der eine schönen Sicht zum Spessart und dem Odenwald bietet, für eine Rast. Einige sitzen auf einer Bank, andere am Rand des Grabhügels. In einigen Gesichtern finde ich meine eigene entspannte Haltung gespiegelt: Wenn uns jetzt nichts Außergewöhnliches widerfährt, werden wir das Ziel erreichen.

Ich lege mich auf die Decke, genieße deren weiche Struktur, und strecke die Beine gen Himmel. Mein Mann erzählt dass er mich an der Alfred-Nobel-Straße nicht erkannt hat, weil mein Tempo und damit meine ganze Erscheinung nicht seinen Erwartungen entsprochen haben. Dazu war er nicht sicher, welches Shirt ich gestern angezogen habe. Ein bisschen übertreibt er mit seinen Beschreibungen, bringt mich damit zum Lachen.

Das gemeinsame Lachen, die damit einhergehende Entspannung, das wohlbehütete Ruhen im Sonnenschein … Klammheimlich hat sich der Schweinehund herangeschlichen und mich mit seiner Trägheit eingelullt. Wohlbehagen. Dazu eine berauschende Müdigkeit, der mich am liebsten hingeben möchte, um in den Schlaf zu sinken. Was ist das herrlich hier zu liegen, die Augen zu schließen, … — Achtung, wachbleiben!

Die letzte Pause vor dem Ziel

Ein Blick zur Uhr verrät, dass ich nicht nur wenige Minuten, sondern bereits fünfzehn Minuten pausiere. Mit einer entschlossenen Bewegung setze ich mich auf: „Ich mache mal los. Nur noch zehn Kilometer. Wenn alles gut geht, bin ich in zwei Stunden in Langen.“ Tatsächlich, mit dem Aufsetzen bekomme ich sogar Lust auf diese Kilometer. Mir wird klar: heute bin ich fit genug, um die 100 km zu erreichen. Vielleicht habe ich nur diese eine Gelegenheit in meinem Leben. Wer weiß, was das Altern mit sich bringt. Diese Gelegenheit will ich nutzen, und – soweit das möglich ist – auch genießen.

Zunehmender Ausnahmezustand

Es geht gut voran. Eigentlich habe ich diesen Streckenabschnitt, der entlang der Dreieichbahn führt, von früheren Wanderungen her als viel länger in Erinnerung. Es liegt vielleicht an den qualvollen 60er und 70er-Kilometern. Das Vorankommen war so zäh gewesen. Währenddessen hatte ich die eigentliche Herausforderung der 100 km hinter mich gebracht, ohne das geahnt zu haben. Im Verhältnis dazu vergehen Zeit und Kilometer jetzt viel schneller.

Dreieichbahn

Eingeschränktes Wahrnehmen

Schnell erreiche ich den Minigolfplatz in Dreieich-Offenthal. Hier sind viele Menschen zusammen gekommen. Ich bemerke, wie schwerfällig – fast unwillig – mein Gehirn die einströmenden Informationen verarbeitet. Menschen, viele Menschen auf einem Platz … Ich komme schließlich darauf, dass hier vielleicht eine Veranstaltung stattfindet. Mehr Klarheit zu erlangen, gelingt mir nicht. Der Film – also das reale Geschehen vor mir – scheint zu ruckeln und zu stocken. Es fällt mir schwer, mich auf Details zu fokussieren, einzelne Gesichter zu erkennen. Ich erlebe das als Einschränkung, fühle mich wirklich beschränkt, und hoffe, es merkt mir niemand an. Zugleich erinnere ich mich, dass ich im vergangenen Jahr mal hier vorbeigekommen war und damals ein Pferd gesehen hatte, das vor einem Kiosk anstand. Na ja, zumindest sah es aus der Perspektive so aus. Heute ist hier jedoch kein Pferd zu sehen.

Der Weg führt direkt am Minigolfplatz entlang. Hier steht – im Zwielicht von Sonne und dem Schatten werfenden Herbstgrün der Bäume – eine Frau, die mir ein Silbertablett voller Riegel und Gebäckstückchen entgegen hält. Sie lässt mich nicht weitergehen, ehe ich ein Stückchen nehme. Nein, nicht nur eines, sondern: „Bitte, nehmen Sie noch eins! Möchten Sie frisches Wasser?“ Sie weist mit der Hand irgendwohin, ich blicke in die Richtung, ohne etwas Entsprechendes zu entdecken. Ich habe meine Trinkblase am Auto aufgefüllt und brauche nichts. Ich bedanke mich bei ihr, lasse meine süße Beute in der Getränkehalterung verschwinden und setze den Weg fort.

94 KM – DISTANZ IST, WAS DEIN KOPF DRAUS MACHT

Atmen als Ausdrucksform

Mir fällt auf, dass die Abstände zwischen den Teilnehmern nicht nur immer größer geworden sind, sondern sich längere Zeit unverändert halten. So als gingen einige schon längere Zeit mit diesem Abstand hintereinander her. Inzwischen hat wohl jeder seinen ganz eigenen Rhythmus gefunden. Einmal gehe ich eine Weile neben einem Teilnehmer her. Es ergibt sich, da sich unser Tempo nur geringfügig unterscheidet. Wir wechseln ein paar Worte. Der hörbare Atem – der eigene und der des anderen – ersetzt jede andere Form der Kommunikation und stellt mich in der Hinsicht rundum zufrieden. Bemerkenswert finde ich das nicht – das wird es erst im Rückblick.

Megamarsch Frankfurt | Das erste Drittel der Strecke

Im April hatte ich den Streckenverlauf der Megamarschroute näher betrachtet, und kam dabei auf die Idee, meine längeren Wanderungen auf diese Strecke zu legen. Da der Marsch im Oktober stattfindet, und die Startzeit zwischen 16 und 17 Uhr liegt, ist ganz klar, dass ein guter Teil der Strecke im Dunkeln gewandert wird. Da würde ich nichts von der Umgebung zu sehen bekommen. So packte ich meinen Rucksack …

16. April 2019

Ich stieg am heimischen Bahnhof in die S1, fuhr bis Frankfurt, stieg dort in die S3 um, fuhr bis Eschborn-Süd, dem Startpunkt meiner Wanderung. Bereits beim Aussteigen konnte ich mich orientieren, eine kleine Brücke führte hinüber: zur Fläche, wo der Megamarsch im Oktober starten wird.

Ich könnte nicht sagen, warum, aber die Sache mit der Brücke gefiel mir.
Dann lag auch schon das Startfeld vor mir

Kurz kamen hier Erinnerungsfetzen früherer sportlicher Veranstaltungen auf … der Lärm, dieser Trubel, dazu die eigene vage Unruhe, schließlich das Gedränge der Teilnehmer beim Start. Ich atmete tief ein und aus, schüttelte die Erinnerungen ab, genoß nun doppelt die herrliche Ruhe an diesem Ort. Nachdem dieser grüne Platz überquert war, ging es eine Weile durch die Straßen Eschborns.

KM 2 | Soraya war mit ihren Gedanken sichtlich woanders. Mein „Hallo“ erwiderte sie nicht.
KM 3 | Als ich das „Städtische“ hinter mir ließ, atmete ich auf., auch wenn es noch neben einer vielbefahrenen Sraße entlang ging. Das Bild zeigt den Blick nach rechts – dorthin würde mich die Wanderung führen.

Das Grün-Blau auf obigem Foto sehe ich als charakteristisch für diese Wanderung, auch wenn der Weg natürlich auch andere Ansichten bot. Gerade als ich mich fragte, wo/ wie geht es weiter, erblickte ich die Antwort:

Immer der Nase nach … Ja, tatsächlich!

Fast die gesamten ersten 33 km führen über asphaltierten oder befestigten Untergrund. Ich trug meine ausgemusterten „Halbmarathon-Laufschuhe“ und war echt zufrieden mit meiner Wahl. Meine Füße kommen damit besser zurecht, als mit den Allround-Wanderhalbschuhen, die ich zuvor auf einer anderen längeren Strecke ausprobiert hatte.

KM 14 | Die lange Meile – hier querte einst die Straße von Heddernheim zur Saalburg den Tauengraben.

Der Rhythmus der Schritte, die langen geraden Wege, die Fernsichten, der fast wolkenfreie Himmel … ich muss mich darin verloren haben, wie aufgelöst … bis mir einfiel, dass ich bei etwa KM 20 eine Pause machen wollte. Hier noch nicht:

KM 18 | Wasserwerk Obereschbach

Was mir hier zum ersten Mal passierte, habe ich inzwischen noch ein paar Mal erlebt: Ich fotografiere etwas, und schlage danach den falschen Weg ein.

KM 19 | Irgendwie sah hier aber auch alles gleich aus, grob betrachtet. Grün, Blau und Mist.

Meinen Pausenplatz stellte ich mir etwas anders vor, also ging ich weiter …

KM 22 | … und überquerte die A5.

Bald darauf erspähte ich meinen Platz an der Sonne:

KM 22 | Eigentlich kaum zu glauben, aber bis dahin hatte ich noch nie auf einem dieser Sitzkiesel gesessen, schon gar nicht Rast gemacht.

Der Akku meines Smartphone hatte zwar noch 40% Ladung, aber ich steckte trotzdem schon die Powerbank dran, um deswegen nicht schon bald wieder stoppen zu müssen. An diesem Tag hatte ich das Wasser zum ersten Mal in einer Trinkblase im Rucksack (plus einem weiteren Liter in einer Flasche). Bisher habe ich immer zu wenig getrunken, weil ich ohne Absetzen des Rucksackes nicht an die Flaschen kam, mich das Absetzen aber total nervt.

Nach zwanzig Minuten Pause – gefühlt waren es nur zehn – machte ich mich wieder auf den Weg und erreichte direkt den Erlenbach. Auch wenn es noch nicht so warm an diesem Apriltag war, so genoss ich nach all der Sonne diesen schattigen und idyllischen Abschnitt.

KM 22 | Der Erlenbach – über die Brücke gehen oder durch das kühle Wasser waten?

Zwei Ecken weiter einige Wächter mit Aussicht:

Ich überlegte, was solch ein Prunk hier in der Idylle wohl zu bedeuten hat, aber kam nicht drauf.

Eine Recherche hat ergeben, dass sich hinter der hohen Mauer ein exklusiver FKK Club mit großem Sonnengelände erstreckt. Darauf wäre ich nicht gekommen. Das erklärt aber die beiden noblen Fahrzeuge, die dort gerade ankamen, als ich fotografierend den Platz verbaute.

KM 24 | Wenig Ablenkung für das Auge

Ich hatte gelesen, dass einige an der Veranstalung Interessierte beklagen, die Frankfurter Megamarsch-Strecke sei so unattraktiv. Die teils langen und gerade verlaufenden Abschnitte über Asphalt, nur der Himmel und die Erde … ich verlor und vergaß mich … Tauchte ich zwischendrin wieder in meinem Körper, in mir wieder auf, so fand ich mich völlig entspannt. Dieses stille Glück … gerade hier, wo nichts zu finden war, fand ich das, was sich so schwer suchen ließe.

Ja, diese Weite …. Kilometer um Kilometer …. Die Trinkblase leert sich, die andere Blase füllt sich. Den einzigen Sichtschutz boten oftmals nur Misthaufen. Denn fühlt man sich allein auf weiter Flur und denkt bei sich, hocke dich mit dem blanken Po in die freie Natur, dann …

KM 24

Irgendwann während der Wanderung kam ich zu der Einsicht, dass ich unbedingt im Stehen Pinkeln lernen muss. Natürlich kann ich das! Aber eben nicht, ohne mich einzusauen.

KM 28 | Anglerhütte am Silbersee

Interessant in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Teil des Megamarsches während der Nacht absolviert wird, finde ich den in der Route vorgegebenen Weg, der zwischen den beiden Silberseen links und dem Graben rechts (verborgen im Grün) verläuft. Nach all den befestigten und breiten Wegen kommt man ins Grübeln, ob man noch richtig ist.

Aber es sind ja Stirnlampen Pflicht. Bitte nicht schubsen!

Zumal „Hauptweg“ nur wenige Schritte entfernt auch am Sees entlang führt. Ob es ein Versehen ist, dass die Strecke auf dieser Seite des Sees eingezeichnet ist? Der Veranstalter behält sich jedoch eh vor, die Streckenverlauf bis zwei Wochen vor der Veranstaltung noch zu ändern.

KM 30 | Ist das ein Ding? Da hängt ja noch das Schild vom letzten Megamarsch?

So schnell geht dann mit einem Male die Wanderung dem Ende entgegen. Okay, meine Füße und Beine spürte ich hier schon deutlich. Inzwischen war ich sechs Stunden unterwegs.

KM 32 | Die Nidda bei Groß-Karben

Das letzte Stück der Strecke, an der Nidda, vor dem Bahnhof war wegen einer kleinen Baustelle nicht passierbar. Die ist im Oktober sicherlich nicht mehr da. Mit Überraschungen sollte man auf den insgesamt 100 km wohl dennoch doch rechnen.

Na gut, so wie es aussieht, werde ich wohl nur 40 km schaffen, wenngleich ich inzwischen mit 60 km liebäugele. Wäre doch toll, für jedes Lebensjahr einen Kilometer zu gehen. Die anderen zwei Kilometer bis zur 60 sind dann einfach Bonus. Lebensfreude. Oder so. Oder wie?

Nach 33,5 km am Bahnhof in Groß-Karben angekommen, hatte ich sogar Glück: Die S6 wartete bereits, ich schaffte noch, eine Karte am Automaten zu ziehen und schon ging es zurück nach Frankfurt.

An der Strecke kurz hinter Groß Karben – aus der S-Bahn heraus fotografiert

An der Taunusanlage war dann nur noch in die S1 umzusteigen und schon ging es heimwärts.

Diese Wanderung hatte mir total gut gefallen! Am nächsten Tag juckte es schon in den Füßen,, das zweite Drittel anzugehen.

Streckenverlauf: Nach dem Draufklicken auf der Seite nach unten scrollen. Anmelden nicht zwingend erforderlich.