Alltag 1

Das Projekt „Alltag“ von Ulli initiiert, hat mich spontan angesprochen. Alltag … dieser findet jeden Tag statt, da würde sich schon etwas finden, so dachte ich. Doch wie ich alles unter diesem Blickwinkel betrachtete, ging mir auf, dass es gar nicht so einfach ist, Alltägliches zu finden. Nimmt man den Alltag genauer unter die Lupe, so erkennt man, dass Dinge und Situationen in irgendeiner Weise alltäglich und doch einzigartig und besonders zugleich sein können. Ist Alltag wirklich möglich?

Eine Bahnfahrt …

Auf den letzten Drücker war ich in die S-Bahn gesprungen, fand noch einen freien Sitzplatz im Fahrradabteil.  Erleichtert, nicht noch eine halbe Stunde auf die nächsten Bahn warten zu müssen, stelle ich die Sporttasche mit dem Badmintonschläger neben meine Füße, so dass der schräg nach oben weisende Schlägergriff direkt Halt an einer Haltestange findet, und sich nicht quer in den Gang legen wird. Ich nehme mein Tablet aus der Tasche, um ein eBook zu lesen.

Ein vorwurfsvolles leises Stöhnen lenkt mich ab. Es kommt von einem Mann meines Alters, bekleidet mit schwarzer Radlerhose, schwarzem Shirt, schwarzen Sommerschuhen und schwarzen Socken. Er schiebt sein schwarzes Fahrrad durch den Gang, kommt kaum voran, denn die losfahrende Bahn zieht ihm den gewonnenen Boden direkt unter den Füßen weg. Ein hörbar unsicheres Scharren seiner Schuhsohlen verrät, das er ein Wanken zu verhindern sucht, während er diesen gewissen kleinen Moment zu lang braucht, um schrittweise auf die zunehmende Beschleunigung der Bahn zu reagieren. Zugleich linkisch anmutende Versuche, die Kontrolle über sich und sein Rad nicht doch noch zu verlieren, während es ihn wieder nach hinten wirft. Er kommt keinen Schritt weiter.

Sein verärgerter Blick verharrt kurz in meinem Gesicht. Ich deute dies im ersten Moment so, als wolle er damit sagen, dass ich unrechtmäßig den ihm zustehenden Sitzplatz besetze, da ich ganz offenkundig ohne Fahrrad unterwegs bin. Jedoch sind noch einige Plätze frei.

Da ich aber auf dem ihm nächsten Platz sitze, bin ich geneigt, ihn zu fragen, ob ich beiseite rücken und den Platz für ihn freimachen soll. In diesem Augenblick gibt er seinem Rad einen von Zorn beherzten Stoß — mit vorwurfsvollem Blick zu mir, so als verwehrte ihm allein mein Blick das Vorwärtskommen. Er wendet sich ab, presst die Lippen zusammen und wirkt entschlossen, einen nun endlich vollzogenen Schritt vorwärts auf keinen Fall wieder zurückzugeben. Allein schon, um meiner wohl als aufdringlich empfundenen Aufmerksamkeit schnell zu entkommen. Ein Blick aus seinem Augenwinkel in meine Richtung, dazu ein vorwurfsvolles Stöhnen, als er sich mit einem Sprung auf den übernächsten Platz rechts von mir rettet, während sein Fahrrad sich günstig an der Haltestange verkeilt. Sein durch den offenen Mund ausgestoßene Atem ist schwer alkoholgeschwängert. Ein weiteres Aufstöhnen gilt mir und meiner Aufmerksamkei, die es mit der Penetranz seiner Alkoholausdünstungen zweifellos aufnehmen kann. Ich habe Sorge, er könne auf mich stürzen, sich in meinen Schoß erbrechen. Ich muss doch auf der Hut sein, um rechtzeitig fortspringen zu können. Das muss er doch verstehen!
Nach einigem Hin und Her gelingt es ihm, seinen Körper anatomisch passend in den Sitz zu wuchten.

Beim nächsten Halt der Bahn kommt sein Oberkörper ins Wanken, sein Klapphandy landet mit einem Knall auf dem Boden. Wohl aus dem Schlaf gerissen, stiert er einen Moment verständnislos in die Luft. Dann, wie von einem Verstehen, hellt sich sein Gesicht auf, und mit dunklem Ächzen hebt er das Handy auf, lässt die Klappe aufspringen. Die Uhrzeit leuchtet auf, und in seinem Gesicht zeichnet sich ein zufriedener Ausdruck ab.

Die Fahrt geht weiter, sein Kopf sinkt langsam auf die Brust. Mit einem harten Knall landet sein Handy erneut auf dem Boden, trudelt in meine Richtung. Mit einer kurzen Verzögerung schreckt er auf, und schaut geradeaus ins Leere; verdutzt, als könne er nicht glauben, dass da niemand vor ihm steht, den er dafür verantwortlich machen kann, so abrupt geweckt worden zu sein. Dann zeichnet sich doch nahende Erkenntnis in seine Gesichtszüge. Verärgert, mit einem Knurren in meine Richtung, so als sei ich es gewesen, die sein Handy kraft meiner Aufmerksamkeit zu Boden geschleudert hat, nimmt er es an sich. Wieder mit einem Aufklappen. Die Uhrzeit leuchtet auf. Sein Atem ist etwas ruhiger geworden.

Ihm gegenüber sitzt ein Mann, der sein Fahrrad lässig am Gepäckträger festhält, und in kurzen Abständen der Rahmenhalterung eine Glasflasche entnimmt, die mit blassgelber Zitronenlimonade gefüllt ist. Dieser Fahrgast ist etwa so alt wie ich. Seine schwammig wirkende Gestalt ist etwas aus der Form gerutscht. und doch macht er den Eindruck eines Schulbuben. Faszinierend … Die Bahn macht einen leichten Bogen. Die tiefstehende Sonne nähert sich langsam von der Seite meinem Gegenüber, und hält schließlich direkt über seine Schulter inne. Ein orangegrelles Licht dringt in meine Augen. Halbblind wende ich meinen Blick nach rechts, vorbei am erneut Eingedösten, hin zu einem grauhaarigen Geschäftsmann. Mein Blick trifft auf seine kühlblauen Augen. Sein Gesicht bleibt unbewegt; weder wendet er seinen Blick ab, noch ist darin ein Zeichen zu sehen, dass er das Treffen unserer Augen überhaupt bemerkt hätte. Mit einem Mal fühle ich mich tief entspannt. Alles ist gut: einer trinkt Limo, der andere schläft seinen Rausch aus, und der dritte ist geistesabwesend.

Ich nehme mein Tablet, lese mit offenem Mund, weil ich selbst zu träge geworden bin, etwas auf mich zu geben.

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4 Kommentare zu „Alltag 1

  1. Pendler-Alltag – wobei die Betrunkenen zu meinem Pendler-Dasein in der Bahn eher nicht gehören, zum Glück.

    Ich bin gerade sehr inspiriert, finde die Idee klasse – habe ich auch schon bei der Initiatorin kund getan 🙂

  2. Stimmt, sooo einfach ist es gar nicht mit dem Alltag 😉
    danke für deine Geschichte, ich mag sie und erinnert mich auch ein bisschen an meine alltäglichen U-Bahnfahrten in Berlin, natürlich unterschieden sich die Geschichten, aber sie spielten eben immer zwischen hier und da und immer am selben Ort … Alltag eben.
    herzlichst, Ulli

  3. Pingback: Alltag 2 |

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