Der Ausbruch | Realität und Traum

Seinen Träumen folgen?

Immer mal wieder lese ich, man solle seinen Träumen folgen. Welche Art von Träumen hat man da vor Augen? Lichte Träume von Glück und Unbeschwertheit? Den Traum vom goldenen Horizont, den man erreichen wird? So in etwa stelle ich mir das in naiven Momenten vor.

Was ist eigentlich mit den angstauslösenen, den beunruhigenden und den finsteren Träumen? Soll man diesen auch folgen? So eine blöde Frage! Natürlich nicht! Lieber soll man froh sein, dass das nur ein schlechter Traum war! Wirklich … ?

Ich folge gerade einem „schlechten Traum“ im Wachleben, um ihn auf dieser Ebene zu Ende zu führen. Ehe die Traumerinnerung vergeht, will ich also die durch den Traum in Gang gesetzte Dynamik für mich nutzen, um den letzten Schritt zu vollziehen.

Worum geht es?

Das Zirkeltraining … Bereits seit Monaten tendiere ich zum Absprung (Kündigung des Vertrags). Wie es überhaupt zu dem Gefühl einer so ungeheuren moralischen Verpflichtung kommen konnte … Die Geschichte(n) und die Zusammenhänge, die da zu erklären wären, sprengen wahrlich den Blograhmen.

Dieser Traum, den ich gleich beschreiben werde, brachte mich viel direkter mit meinen Gefühlen in Kontakt, als ich das im Wachleben und in der Situation zulasse. Dazu wurden mir meine Knackpunkte klarer, so dass ich mich damit auseinandersetzen konnte. Die Ängste aus der Distanz analysieren und einordnen: sind sie gerechtfertigt oder nicht! Und dann tief durchatmen und den Weg der Angst gehen, weil ich weiß: es kann nichts Schlimmes geschehen, ich muss „nur“ den befreienden Schritt machen.

Der Ausbruch

Am 15. Juli träumte ich …

Heute werde ich wieder am Zirkeltraining teilnehmen. Als ich aus der Umkleide komme, fallen mir auf der Trainingsfläche die unüblichen Aufbauten auf. Die Zwischenstationen wurden aufwändig ausstaffiert. Jemand sagt, heute sei „Fun-Tag“.  Na, das kann ja heiter werden … Wegen des Fun-Tags können wir auch nicht direkt in den Zirkel einsteigen, sondern müssen uns in die Reihe der Wartenden stellen. Die Stationen sind zeitaufwändiger, was den normalen Durchlauf behindert. Nicht nur, dass ich warten muss, auf diese Weise bin ich auch noch unfreiwilliger Zuschauer eines albernen Spektakels, an dem ich in keiner Weise beteiligt sein möchte.

Einige große, dicke blaue Turnmatten wurden zu einer Hüpfburg gestapelt. Nach und nach gehen die Frauen also dorthin, um den kleinen Parcours zu meistern. Auf dem Weg wandeln sie sich zu kleinen Windelkindern, die johlend und mit ungeschickten Schritten den mattenweichen Zugang hochstapfen und sich dabei gegenseitig bunte Schwimmnudeln auf die speckige Kehrseite kloppen. Die erste „Hürde“ scheint zu sein, dabei sein Gleichgewicht zu halten, während es scharf nach links um eine hochkant gestellte Matte herum und von dort direkt nach oben ins Zentrum der Hüpfburg geht. Hmm, das soll wohl die eigentliche Herausforderung sein, überlege ich gelangweilt. Auf der Hauptmatte macht man dann einige vergnügte Hüpfer, um schließlich den letzten Satz in Form eines Absprungs zu absolvieren. Es ist mir ein Rätsel … alle machen diesen Zirkus ganz selbstverständlich mit.

Die Atmosphäre ist aufgeregt. Ach, und das dazu: die Inhaberin ist heute aus dem Urlaub zurück, schaut mürrisch drein. Sie ist mit ihren Mitarbeitern unzufrieden Klar, es läuft gut, aber es könnte immer noch besser laufen – … viel viel besser! Hinter mir steht eine Frau, die – wie ich – seit der ersten Stunde dazugehört. Ihre Wangen sind vor Aufregung gerötet; wird sie die Übungen meistern können, scheint sie sich zu fragen. Hinter vorgehaltener Hand zwar, schreit sie mir dennoch so laut in den Nacken, dass ich vor Schreck den Kopf einziehe, um meine Ohren mit den Schultern zu schützen. Eine vielleicht unbewusste Unsicherheit mag ihr diese zu aufgeregte und laute Stimme verleihen. Dunkel glänzen ihre Augen …

Ich kann mir nicht vorstellen, diesen Zirkel über drei Runden mitzumachen. Aber natürlich, ich komme hier nicht raus, ohne durch meine „Flucht“ wie eine Spielverderberin zu wirken. Da sähe ein jeder, wie sehr mich diese Albernheiten anöden. Auch wäre es ein Schlag ins Gesicht der Mitarbeiterinnen, die sich ja viel Mühe mit dem Aufbau gegeben haben.

Schon bin ich an der Reihe und setze widerwillig an, die Schritte zur Hüpfburg zu machen …

Gegen meinen Willen muss ich in genau diesem Augenblick doch noch getürmt sein, denn sogar den weit entfernt liegenden Stadtrand habe ich weit hinter mir gelassen. Das Meer ist nahe. Kaum will ich mein Glück fassen, da bemerke ich sie ….

Die Inhaberin ist mir auf dem Fuß gefolgt! Ihre schweren Vorwürfe holen mich ein. Verbale Schläge … Sie läuft an mir vorbei, hinein in ein Wattenmeer, dessen Ebbe schon lang währen muss, da dieses einer staubigen Sandwüste gleicht. Hier gibt es kein Entrinnen! Dazu spüre ich, wie tief ich sie mit meinem Verhalten verletzt habe. Das schmerzt auch mich und es tut mir von Herzen leid. Aber ich bleibe dabei, und will es ihr verständlich machen:

„Hör mir bitte zu. Ich habe zwei Kinder in großem Abstand geboren, war mein bisheriges Leben lang aktive Mutter und habe dabei unzählige Male Hüpfburgen besucht, die mich bereits vom ersten Mal an total gelangweilt haben. Ich tat es für meine Kinder – nicht für mich! Ich mag nicht mehr. Das musst du verstehen, bitte!“

Verletzt und mit schmollendem Gesichtsausdruck wendet sie mir den Rücken zu, geht Richtung Wüstenmeer. Ihr ganzer Körper strahlt innere Abwehr aus, wirkt angespannt, sie will das nicht einsehen. Ich möchte all dies Unangenehme zwischen uns aus der Welt schaffen.

Mit ein paar schnellen Schritten hole ich sie ein, umfasse sie mit beiden Armen von hinten, drehe sie vorsichtig zu mir um, was sie geschehen lässt. Dann nehme ich sie in die Arme und halte sie vorsichtig fest. Schon spannt sie sich wieder an; sie will sich nicht geschlagen geben. Nur aus diesem Grund sagt sie jetzt etwas, das sie niemals vorschlagen würde, da es ihr absolut gegen den Strich geht:

„Du hast dich bestimmt gewundert, dass ich dir, als Fitteste von uns, noch immer keinen Job angeboten habe.“

„Nein!“

Auf diese Weise will sie mich zurück in den Zirkel bewegen!? Oh nein!

„Ich habe mich nie gewundert. Ich will keinen Job!“

Doch sie will gleich hier und jetzt einen Vertrag mit mir machen, sitzt schon auf einem Granitbrocken, das alte Klassenbuch aufgeschlagen auf den Knien und blättert mit fahrigen Bewegungen bis zum aktuellen Kalenderblatt durch. Dazwischen bemerke ich zu meiner großen Verwunderung eine Urkunde, die auf meinem Namen ausgestellt ist, die mir aber nicht ausgehändigt wurde – bei irgendeiner Sache habe ich wohl mal den 1. Platz gemacht. Die Inhaberin scheint so oft darüber hinweggeblättert zu haben, dass sie mir diese auch jetzt ganz selbstverständlich unterschlägt. Dazu sind alle Seiten des großen Terminkalenders eng beschrieben, die Mitarbeiter sind für das ganze Jahr fest eingeteilt. Nicht eine einzige Lücke, doch sie murmelt gestresst:

„Bestimmt willst du gleich zum Ersten anfangen … Das wäre in diesem Monat der zweite.  Hm, da hat schon Karen Dienst … ich werde ihr absagen, damit du ihre Schichten übernehmen kannst.“

Ach du liebe Zeit … Karen … das erinnert mich … Plötzlich rauschen in Sekundenbruchteilen unzählige gemeinsame Arbeitszeiten vor meinem inneren Auge ab … das war alles so unangenehm, ein einziger Albtraum, der sich nicht wiederholen soll. Ich will doch diesen Job nicht! Niemals! Warum sage ich das jetzt nicht ganz laut? Wo bleibt meine Stimme? Ich werde mich doch nicht selbst verraten! Als Trainerin müsste ich sogar noch Vergnügen an den Hüpfburgen heucheln … vorgaukeln, es sei eine tolle und der Fitness zuträgliche Sache! Ein Albtraum, ein Albtraum … wann höre ich endlich mein lautes Nein, das allem ein Ende macht?!


Vielleicht sollte es dem Traum-Ich gar nicht möglich sein, das Nein hörbar auszusprechen, damit mir die dafür notwendige Energie im Wachleben bleibt? Das Wort will mir nicht über die Lippen kommen. Überlegung: während man noch im Glauben festhängt, es nicht tun zu können – heute nicht, morgen nicht, nie nicht – kann man es ja trotzdem schon mal tun. Die Beschränkung im Kopf bestehen lassen, und — dieser ungeachtet  — den Weg in die Freiheit gehen.

Dieser Traum ist überhaupt spannend. Die einzelnen Traumszenen erzählen mehrschichtig, wiederholen zentrale Themen im Kleinen oder Großen; aus unterschiedlichen Perspektiven. Zu erkennen vermag ich dies natürlich nur, weil ich um all die Zusammenhänge weiß, die hier – wie ich bereits sagte – den Rahmen sprngen würden. Und wenn ich dann noch überlege, für wie viele Traumaussagen ich dennoch blind bin!

Wie geht der Traum im Wachleben zu Ende?

Seit gestern ist die Kündigung geschrieben und ausgedruckt, und … inzwischen auf dem Postweg. Was für ein Zirkus da in mir abgegangen ist, und das nur wegen solch einer Kleinigkeit! 😉

Ja, und man wird mir sicher keine einzige Träne nachweinen. Das Zirkeln um meinen eigenen Bauchnabel macht mich so schwerwiegend und bedeutend – in der Realität bin ich irgendeine von Vielen.

 

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Ein Kommentar zu „Der Ausbruch | Realität und Traum

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