Die unerhört weiche Schulter

Mondscheinhelle Nacht. Wir – eine kleine Gruppe von Gesinnungsfreunden – haben eine Mission zu erfüllen. In einem kleinen Teesalonwaggon ruckeln wir sachte durch eine ferne, zurückliegende Zeit.

Die Stimmung im Salon ist angeregt; wir planen die nächste vor uns liegende Expedition und wollen uns gerade wegen des Proviants einigen. Aus praktischen Gründen werden wir uns auf eine Sorte Gebäck für alle beschränken. Nur welches soll es sein?

Wir wechseln uns mit den Diensten während der Reise ab. Gerade ist Mr. Speed an der Reihe, und serviert das Gebäck zum Verkosten. Als er mir – mit einer leicht angedeuteten und doch formvollendeten Verbeugung –  den altmodischen Kuchenteller mit einer dünnen Scheibe Marmorkuchen reicht, füllt der Anblick seiner Oberbekleidung* mein Blickfeld. Dann liegt schon ein kleines Stückchen Kuchen auf meiner Zunge. So kurz nach dem Krieg sind Vanille, Kakao und Butter knapp und teuer. Also wurden diese Zutaten sparsam verbacken und der Kuchen hat einen etwas faden Geschmack. Das ist aber gerade richtig so, denn es geht nur darum, eine kleine Stärkung für unterwegs zu haben.

Gleich mit dem ersten Bissen tue ich kund, dieser Kuchen schmecke mir recht gut und sei somit meine Wahl. Im gleichen Augenblick bereue ich meine Voreile … Vielleicht schmecken die Schokoplätzchen, die als nächstes verkostet werden, noch besser? Inzwischen hat sich Mr. Speed rechts von mir auf einen Hocker gesetzt, probiert ebenfalls vom Marmorkuchen und murmelt leicht kopfschüttelnd:

„Das ist nicht so mein Geschmack.“

Einem plötzlichen Impuls folgend, möchte ich ihn necken:

„Der Kuchen (das Marmorierte) ist nicht elegant genug für Sie?!?“

Da sein Blick weiterhin auf den Teller gerichtet bleibt, bin ich unsicher, ob er das Scherzhafte und damit Bedeutungslose meiner Frage erfasst hat. Um darauf aufmerksam zu machen, lege ich meine Hand auf seine linke Schulter. Doch kaum komme ich auf Tuchfühlung mit dem Sakko, halte ich zutiefst betroffen inne … Welch unerhört weiche Schulter er hat! Ich wage nicht mehr, meiner Hand etwas Gewicht zu verleihen, so dass er sie auf seiner Schulter liegen fühlte. Einerseits fürchte ich, durch eine tiefer reichende Berührung erst das ganze Ausmaß der zugrunde liegenden Verletzung zu erfassen,  und ich bin wirklich nicht sicher, ob ich einer solch klaren Erkenntnis gewachsen wäre. Womöglich bräche ich psychisch zusammen? Andererseits halte ich es für nicht unwahrscheinlich, dass er diese tiefgreifende Verletzung, die zu der weichen Schulter führte, wirklich ganz allein für sich behalten möchte. Legte ich nun, wenn auch mit leisestem Nachdruck nur, meine Hand auf seinen wunden Punkt, löste ich unter Umständen einen derart tiefen Schmerz in ihm aus, dass er mich tierisch laut anschreien würde – wie ein waidwundes Tier, das vor unsäglichem Schmerz ja auch nicht anders könnte. Selbst mit all dem Wissen und Verstehen zu allem, käme eine solche Erfahrung meiner Vernichtung gleich – ich könnte diese nicht ertragen.

So bleibt meine Hand wie schwerelos auf seiner Schulter liegen, ich spüre das Tuch seines Sakkos unter meinen Fingerspitzen und leise am Handteller … erfasse die Struktur, nehme die einzelnen Webfäden wahr und bemerke so, dass einem Teil der Fäden eine gewisse, eher nach außen weisende Kühle zu eigen ist. Darunter die Schulterpolster, die einen Teil der inneren Wärme durchlassen. Ja, diese Schulterpolster haben vermutlich einen ähnlichen Effekt, der auch dem Dämmmaterial im Dachstuhl zu eigen ist: So kühl es nach außen auch sein mag, innendrin ist alles voller Wärme.

*Am Abend vor dem Traum sah ich folgenden Vortrag. Beim Traumerinnern fiel mir Charles Eugster gleich wieder ein, denn Mr. Speed trug im Traum seine Oberbekleidung.

Mehr zu Charles Eugster: Lauf, Charly, lauf!
Mehr zu Mr Speed: stocksteinefelsen – speed hiking protocols

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6 Kommentare zu „Die unerhört weiche Schulter

  1. Wow. Ein sehr toller, vielschichtiger und in manchem sehr zutreffender Traum!
    [Den Vortrag werd ich mir anschauen!]

    Während ich dies (mit der einen freien Hand) tippe, fällt mein Blick im Schein der warmen Abendsonne auf die kleine (schlafende) weiche schwarzweiße Schulter 🙂

    1. Es ist schon bemerkenswert, wie sehr mich diese unerhört(!) weiche Schulter tatsächlich beeindruckt haben muss. Der Traum beschäftigt mich noch und ich glaube, das „unerhört“ könnte ein (weiterer) Schlüssel zum Verständnis sein.

      Eine warme Abendsonne und die weiche Schulter dazu … das fühlt sich ziemlich gut an. 🙂

      1. Beim Namen ‚Mr. Speed‘ in Verbindung mit der geträumten Garderobe fällt mir sofort auch der ähnlich geschriebene ‚Mr. Steed‘ (und Mrs. Emma Peel, selbstredend) ein, einer der Helden meiner Fernsehkindheit! ‚Mit Schirm Charme und Melone‘. Kennen Sie das? Ein sportlicher Herr in Farbe wie in Schwarzweiß, von tadellosen Manieren! Vielleicht lösen wir im Traum einmal gemeinsam einen schönen Fall? Übrigens nichts gegen Marmorkuchen, solange es Gäbelchen gibt? 😉

        1. Aber ja, Emma Peel und Mr. Steed! Durfte ich nur bei meinen Bauernhaus-Großeltern gucken. Das war immer ein Fest, wenn ich da mit roten Wangen vorm Fernseher saß.

          Das Gäbelchen zum Marmorkuchen war tatsächlich vorhanden! Leider ist es meiner Bildbearbeitung zum Opfer gefallen, denn es lag auf einer Serviette neben dem Teller und ich war zu faul, die Gabel aus dem Bild zu operieren und auf den Teller zu „kleben“. Schon auch, weil die Perspektive da nicht mehr gepasst hätte. Außerdem hätte mir ein silbernes Gäbelchen besser gefallen, als das goldene von dem Orignalbild. Wir sind schon anspruchsvoll, hm?! 🙂

          Au ja, einen schönen Fall gemeinsam lösen, da bin ich dabei! Was bevorzugen Sie? Mord, Raub, Mysteriöses? Noch schlafe ich ja nicht!! 😉

  2. Weiche Schulter…kann mich schwach erinnern, auch so etwas mal geträumt zu haben. Dysfunktionalität in einem Körperteil des anderen.

    Bodybuilding mit 93 ist natürlich eine gute Idee, wenn man 93 ist 🙂
    Es gibt halt diese Leute, die, aus genetischen Gründen, durch Glück oder was auch immer, noch sehr spät durchstarten können.

    1. Durchstarten zu können – egal in welchem Alter – , ist eine Sache, es dann aber auch zu tun, eine ganz andere. Und ich kann das nur zu gut verstehen!

      Es gibt Menschen, die mich allen Ernstes fragen, ob ich gar gesund sterben wolle!
      Natürlich, das wäre mir am liebsten. Warum dem letzten Tag denn krank und gebrechlich entgegen siechen, wenn es nicht sein muss? Ja, auch ich weiß aus Erfahrung, dass nicht alles in meiner Hand liegt.

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