Meer gibt es nicht

Mittagszeit. Plötzlich geht es wahnsinnig schnell!

Wie kurzfristig vereinbart, treffen Mike, der blaue Junge (anderthalbjährige Knabengestalt in marineblauem Anzug mit weißen Söckchen und schwarzen Schühchen) und ich uns in einem abgefuckten Stadtteil, wo um diese Zeit alles nur vor sich hinzudämmern scheint. Wir wollen zusammen Essen gehen; ein bestimmter Italiener soll es sein – first time!

Wir besteigen die S-Bahn … Stehplätze nahe dem Einstieg. Die Nacht dräut durch die Fenster herein. Schläfrige Durchsage der nächsten Haltestellen. Mike packt entschlossen das geballte Händchen des blauen Jungen, der immer noch recht verpeilt wirkt; wir werden an der nächsten Station aussteigen. Eine Plexiglaswand soll wohl den Einstiegsbereich schützend abtrennen. Der Junge kriegt den Bogen nicht, rempelt an die Trennwand, während Mike – rasch voranschreitend – ihn einfach weiterzieht. Er verletzt unser Kind! Merkt er es nicht?! Ich ziehe meine Augenbrauen mit aller Kraft mürrisch zusammen, das muss er doch mal spüren!

„Raus, raus!“ ruft Mike. Haltestelle Italiener. Diese blöde Glaswand vorm Einstieg zeigt sich noch einmal als wahres Hindernis. Als wir endlich den Fuß in die Tür setzen könnten, sirrt sie nahezu geräuschlos zusammen. Wie schnell die Bahn jetzt Fahrt aufnimmt! Nur wenige Sekunden fährt später passiert sie „unser“ italienisches Restaurant. Neugierig bücke ich mich, werfe einen Blick durch die Fensterscheibe. Die einst grauweiße Fassadenfarbe blättert ab, ebenso an den übergetünchten Rolläden, wo dicke Risse das dunkel aufgequollene Holz darunter zeigen. Äh …Rolläden? Heruntergelassen?! Sogar die Eingangstür ist mit so einem Rolladen versperrt!? „Mike, schau doch mal, die haben ja gar nicht geöffnet?!“

Kurzentschlossen fahren wir jetzt noch eine Station weiter. Dort soll es eine Tagesbar geben. Die wollen wir uns mal ansehen. Oder müssen wir doch gleich mit der Bahn zurück zum Italiener? Wir rennen inzwischen durch verschiedene Unterführungen eines unbekannten Bahnhofs, auf der Suche nach dem richtigen Bahnsteig. Alles so schnell, so ein Durcheinander. Die ganze Zeit hetzt Mike voran, unser blaues Kind hinter sich her zerrend. Das geht doch nicht! Bald haben wir den Tiefpunkt durchdrungen und …

… erreichen die Bar. Es ist eine mit gewolltem Strandambiente. Paar olle falsche Palmen, und alles irgendwie recht runtergekommen. Die Strohschirme sind schmuddelig braun und vom Wind zerfranst. Die Strandbar mit Meerblick! Aber Meer gibt es hier natürlich auch nicht. Nur einen langenlangen Tresen – mitten im aufgeschütteten Sand – der zu beiden Seiten mit Barhockern bestückt ist. Jede Menge freie Plätze unter dem diesig blauen Himmel. Und wie ich so sitze und in die Ferne schaue, meine ich fast, in der Ferne schwere Frachter gleich Fata Morganen zu sehen, aber …  na ja, eher nicht. Es ist langweilig.

Rechts neben mir sitzt Doris. Wohl schon länger. Ich bin vor lauter Langeweile immer tiefer auf dem Barhocker gerutscht, liege mit den Schulterblättern auf der Sitzfläche, halte mit den Zehenspitzen am Boden dagegen und bilde einen leicht gespannten Bogen. Mein Shirt habe ich, ohne jede Absicht,  bis unter die Brust hochgeschoben und betaste gedankenverloren meine Bauchdecke.

Mike erzählt Doris gerade von unserer Connection mit diesem Grafik-Büro. Eine Handvoll abgefahrener Designer, die wirklich mal vom Mainstream abweichen. Mike zeigt sich begeistert: „Mit denen hatten wir schon super tollen, echt inspirierenden Austausch!“ Ich bekomme gar nicht alle seine Worte mit …

… immer wieder schaue ich auf das nicht vorhandene Meer und spüre: mein Bauch ist flach, die Bauchdecke fest, von einer relativ dünnen, aber nicht völlig fettfreien Gewebeschicht überzogen. MIt den Fingern greife ich immer wieder kleine Hautfalten, rolle diese zwischen Daumen und Zeigefinger, so als drehte ich eine Zigarette. Dadurch scheint das Gewebe immer dünnhäutiger zu werden, bis kaum mehr eine Fettschicht vorhanden sein dürfte. Meine Fingerspitzen berühren sich spürbar durch die Haut. Das fühlt sich gut an, womöglich besser als es tatsächlich aussieht. Plötzlich kommt mir die Idee, Doris könne annehmen, ich zeige (ihr) meinen Bauch demonstrativ, aus einer Eitelkeit heraus. Vielleicht mag sie auch nicht, dass ich hier so ungeniert rumhänge? Könnte sie überhaupt nachvollziehen, dass ich es mache, um dem Wesen meines Bauches nachzuspüren? Ich frage sie nicht danach, denn wie auch immer ihr Urteil sein mag: es änderte ja nichts.

Zugleich beschäftigt mich ja noch die Sache mit „canpet. de“, mit diesen Designerheinis. Tatsächlich entstanden durch unseren virtuellen Austausch  kuriose Ideen, von denen einige sogar gewinnbringend umgesetzt werden konnten. Es war das Unverbindliche zwischen uns, das die Ideen ungehindert fließen ließ. Keiner wollte etwas, schon gar nicht vom anderen. Dabei entstand alles wie von selbst. Wir hatten  Spaß und lachten viel. Eine geile Zeit, ja.

Ja, und dann kam dieser Tag … ich lernte einen dieser canpet-Typen persönlich kennen. Es war einer, der nicht von der ersten Stunde an dabei war. Eher spielte er eine Nebenrolle, meine ich.  Wir waren uns also begegnet, ohne Absicht. Schon bald hatte er mich erbost auf seine Behinderung verwiesen, die ich seiner Ansicht nach völlig ignorieren würde. Zumindest soll ich ihm keine Hilfe angeboten haben, als er diese offensichtlich brauchte. Genau weiß ich nicht, worum es ihm geht … Ich kann mich nur noch an diese Sache erinnern, bei der er sich zu gerne auf seinem Behinderten-Status hatte ausruhen wollen. Er war zu bequem, sollten sich doch lieber andere mit den Problemen herumschlagen. Tatsächlich hatte ich ihm damals den Gefallen getan und mich an seiner Stelle um etwas gekümmert. Ja, und bei dieser Gelegenheit war mir zufällig ein altes Foto aus seinem Familienalbum in die Hände gefallen. Es zeigte seine Herkunftsfamilie mit den zwei Katzen in der Küche. Sechziger Jahre. Auch er sitzt auf dem Foto am Küchentisch. Und wie ich das Bild so betrachte, erkenne ich mit einem Schlag die Gefahr, die von ihm ausgeht! Nicht nur, dass er vorhatte, mich um etwas zu betrügen und mich auszunutzen, er ist auch gefährlich. Wie ein blitzend scharfes Stahlmesser, das er ohne zu zögern und gnadenlos, wieder und wieder in meinen Bauch, in meine Eingeweide stoßen würde. Tatsächlich hat er vor, mich von der Bildfläche verschwinden zu lassen … so wie das jetzt gerade, vor meinen Augen, mit den Katzen auf dem Foto geschieht.

Mit einem kurzen und ironischen Auflachen erinnere ich Mike: „Die von canpet werden begeistert sein von uns zu hören! Seit dem real-life-Treffen mit uns sind die doch bedient!“ Ob er das schon wieder vergessen hat? Sonderbar …

Wir müssen aufgebrochen sein. Ich stürze allein durch eine grauende Straßenschlucht, ohne Ziel, mit weit aufgerissenen Augen. Bereit, mich jeden Augenblick zu übergeben, so sehr bedrückt mich etwas tief drinnen. Da stellt sich mir etwas Großes entgegen … anfangs wie ein Schatten nur. Ich blicke scheu auf. Was für eine große Gestalt vor mir!

Ja Mist, so ein misslungenes Traumbild. Aber: die Zeit für einen weiteren Anlauf fehlt nun mal. Notwendig ist es auch nicht. Mein Blog ist ja keine Kunsthalle.

Ein riesengroßer Sparfuchs mit Gesichtszügen und Hut, die an Uncle Sam erinnern. Fuchsteufelswild seine grooooßen Augen. Seine dürren Beinchen mit stacheligen Haaren schauen aus der viel zu kurzen, türkis-grau karierten Hose hervor. Sein Hemdkragen ist ganz unordenlich, vielleicht hat er diesen, aus einer wütenden Atemnot heraus, mit einem unbeherrschten Griff aufgerissen. Sein Fuchsgesicht ist voller Furchen, die Augen türkisblutunterlaufen. Sein böser Blick, sein aufgebrachtes Gehabe, treffen mich von oben.

Vielleich wirke ich eingeschüchtert, erschrocken, doch eine Instanz in mir bleibt gelassen und kühl. Was wohl der olle Sparfuchs von mir will? Und warum hat er so türkisene Augen? Müssten die nicht Wüstenrot sein? Bau-Steine-Scherben? Stein auf Stein, darauf können sie bauen?

Da war ich plötzlich wach.

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6 Kommentare zu „Meer gibt es nicht

  1. Krasser Traum. Ich habe den Wüstenrot-Fuchs „damals“ übrigens immer als „Den Fuchs Mamfred“ [sic!] bezeichnet. Ich war der festen, felsenfesten Überzeugung, dass er Manfred heißen müsse.

    Dürfte ein Arbeits-Speedweek-Hybrid-Traum sein, oder? Starker Tobak … der Italiener hat zu, so wie die Essensfenster …

    1. Hahaha, Manfred, Mampffred … das ist ja lustig. 😀
      Angesichts der Speedweek scheint in mir mächtig die Post abzugehen. So ganz bin ich noch nicht dahinter gekommen … Aber, wenn auch nebenbei, nicht unwichtig für einen Blogger: mein Traum hat KATZENcontent!! Ich muss schnell noch ein Katzenbild raussuchen! 😉

  2. Wird ja immer umfangreicher. Alles so unzusammenhängend, wie Träume ja so sind.

    Ich hatte unlängst einen uralten Traum aufgeschrieben, den muß ich mal in perfekter Reinform bringen 🙂

    1. Bis auf die Schlussszene war es schon alles zusammenhängend. Das Hin und Her zwischen Außenwahrnehmung, Selbstwahrnehmung, dem Erinnern, dem Versuch immer neuer Orientierung lässt dann aber doch den Eindruck entstehen, den Du beschrieben hast. Im Traum verschwimmen diese Ebenen oftmals mehr als ich dies im Wachleben wahrnehme. Womöglich bin ich im Wachleben diesbezüglich auch fokussierter? Der Traum ist „Innenleben“, selbst wenn er im Außen spielen zu scheint.

      Ich habe auch schon überlegt, einen alten Traum aus dem Hut in mein Blog zu zaubern, weil kürzlich der Traum mit den Hüten mich an diesen alten erinnerte. Da kam ich auch in Versuchung, den Text zuvor noch aufzupolieren. Hast Du schon mit Deinem Traum angefangen?

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