Am Hungertuch nagen

Die nächste Speedweek naht und mit vollem Bauch denke ich völlig entspannt daran, wie sich ein hungriger Körper anfühlt. Mit leeren Bauch erlebt der sich allerdings ganz anders …

Der folgende Traum kam vor einem Vierteljahr während einer Speedweek. Ich war schon seit einigen Wochen im leichten Kaloriendefizit gewesen, als die Speedweek, mit nur noch etwa 750 Kalorien pro Tag, startete. Für meinen Körper war das eine deutlich spürbare Belastung. Weiterer Auslöser für den Traum war eine Einladung von einem Trainer, die ich zu beantworten vergessen hatte, obwohl ich mich sehr über die unerwartete Einladung gefreut hatte. Kurz vor Toresschluss schickte ich ihm damals eine Mail.

Die Einladung zum Minimalistic Rap

Als ich zur Besinnung komme, stehe ich im Eingangsbereich meines Elternhauses. Vor mir steht ein Wäscheständer, auf dem ich frisch gewaschene Kleidungsstücke verteile. Meine Schwester steht neben mir und wir bequatschen, was wir gleich Schönes unternehmen wollen. Ich bemerke das uns umgebende Zwielicht, öffne – einem unbewussten Impuls folgend – die Haustür, schaue durch den Türspalt hinaus. Oh, draußen ist ein Hochzeitsbitter angekommen; ich erkenne ihn an seinem Zylinderhut. Er stellt sein altes Fahrrad ab, nimmt ein Klemmbrett¹  aus dem Fahrradkorb und zückt einen Kuli.

Fotomontage aus fünf Bildern

Noch etwas atemlos von der Fahrt, schaut er mich an und verkündet:

„Ich komme wegen der Einladung … zum Minimalistic Rap! Willst du …“

Rasch unterbreche ich ihn, denn mir fällt es jetzt auch wieder ein:

„Oje … ja, habe die Einladung per Mail erhalten, nur noch nicht geantwortet! Ist es so eilig? Ganz klar, bin dabei.“

Er hebt das Klemmbrett, um die Teilnehmerliste um meinen Namen zu ergänzen, und macht eine Geste, ich solle wegen meiner persönlichen Angaben zu ihm kommen. Da fällt mir ein, dass ich untenrum nur mit dieser unsäglich grauschleierigen, ausgeleierten Unnerbüx bekleidet bin. Auf gar keinen Fall kann ich so zu ihm gehen! Schnell rufe ich:

„Ich sage gleich per Mail zu!“

Nein, er schüttelt den Kopf, sein Auftrag sei, meine Zusage hier und jetzt schriftlich festzuhalten.

So ein Mist … Mit einer Geste fordere ich meine Schwester auf, zu ihm zu gehen, meine Daten anzugeben, damit ich mich rasch anziehen kann. Gleichzeitig nehme ich eine viereckige Waschschüssel vom Hochzeitsbitter, die er mir ganz nebenbei reicht, in Empfang. Diese ist mit einer klumpigen Masse gefüllt.

Nur wenige entschlossene Schritte und ich stehe in der düsteren Waschküche. Auf dem Herd steht eine große, bereits angeheizte, gußeiserne Pfanne. Die Waschschüssel ist mit einer riesigen Portion halb gestocktem Rührei gefüllt, das ich jetzt in der Pfanne garen will. Der Herd gibt wunderbare Wärme an meinen Bauch ab. Allein die Wärme, der Anblick der Speise lässt ein Gefühl glückseliger Sattheit in meinem Bauch entstehen. Rührei … so köstlich …. Alles andere ist damit vergessen.

Ein kleiner Rühreirest ist noch in der Waschschüssel. Erst jetzt schaue ich genauer hin. Huh, was ist das für ein großer Flatschen darin?? Sieht ja aus wie ein graues Scheuertuch?! Wie blöd glotze ich zum in der Pfanne brutzelnden  Rührei … Oh nee, oder?!? Oh mein Gott, das was der Hochzeitsbitter mir gab ist gar kein Rührei. Das sind lauter grau-dreckige Putz- und Geschirrtücher, in Waschlauge eingeweicht. Er wollte nur kurz die Hände zum Schreiben frei haben; deshalb gab er mir diese Schüssel. Mit Entsetzen wird mir klar: ich muss ganz schnell mit der Schüssel zurück! Womöglich glaubt er sonst, ich wolle ihn bestehlen! Verdammter Mist, die Tücher sind inzwischen richtig angebraten und zu einer festen Masse gestockt. Leise Panik steigt in mir auf … Keine Zeit zum Nachdenken jetzt. Mit entschlossenem Schwung greife ich die schwere Pfanne an ihrem langen Stiel und kippe den ganzen Inhalt in die Waschschüssel zurück, um eiligst …

… vor Schreck werde ich wach. Puuuuh, war für ein Glück … das war nur ein Traum.

Erst dachte ich: was will der Traum mir damit sagen? Dann fiel mir die Redewendung ein: am Hungertuch nagen. Dazu entdeckte ich noch folgendes Zitat, das wie auf mich zugeschnitten scheint.

Und so ließ man sie am Hungertuch nagen. Sie nagte daran und nagte, – aber es bekam ihr sehr gut. Je dünner sie wurde, um so weniger von ihrem Körper konnte verfallen, und Geist hatte sie ohnehin so gut wie gar nicht aufzugeben. – Erich Mühsam in „Psychologie der Erbtante“


¹ mein gelbes Klemmbrett, das neben meinem Bett liegt, falls ich einen Traum notieren möchte.

Advertisements

5 Kommentare zu „Am Hungertuch nagen

    1. Meine Schreibe in eine Kategorie einordnen … ich würde sie einordnen unter: gewollt, aber nicht gekonnt. Liegt daran, dass ich so viel zu bemängeln habe. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s