Niemandsland

Inmitten der Leere eines großen Würfels. Hier sitze ich vor einem quadratischen Tischchen, auf dem – im milden Schein eines indirekten Feuers –  eine Landkarte ausgebreitet liegt. Wieder und wieder habe ich die Karte nun mit den Augen gescannt, bin auf diese Weise Verbindungsstraßen entlang gewandert, konnte Orientierung finden, vertrautes Gebiet entdecken.

Augenfällig: Ein nicht unerheblicher Bereich scheint brach zu liegen. Die eingezeichnete lange Kreisstraße gleicht einem Grenzstreifen, der das vertraute Land von diesem Niemandsland trennt. Ich bin ziemlich perplex; hätte ich davon nicht längst wissen müssen?

Kann es wirklich sein, dass sich kein Mensch für diese Fläche interessiert? Wahrscheinlich nicht, vielleicht narrt mich die dicke durchgezogene Linie der Kreisstraße, so dass diese nur unüberwindbar scheint. Vor Ort wird es sicherlich eine Möglichkeit zum Überqueren geben. Ich gehe noch näher ran, meine Nasenspitze berührt fast die Karte. Das Gebiet ist weder bebaut noch bewirtschaftet. Dort ist einfach nur nichts!

Längst hat mich ein sehnsüchtiges Verlangen erfasst, das Gebiet zu erkunden. Bald, möglichst bald! Morgen schon! Ich versuche den aufgedruckten Straßennamen zu entziffern … Nonnenhutstraße? Korbhutmacherinnenweg? Irgendetwas mit „-hut“. Ja, das wird es sein. ZOOOOM >>>>>>>>>>>

Fotomontage aus acht Bildern, danach selektive Anpassungen (Helligkeit, Kontrast, Sättigung) und schließlich Filter, zur Untermalung der Traumstimmung

Eine bewegte 360-Grad-Ansicht zeigt auf der Kreisstraße catwalkende Mannequins, die einem Modemagazin aus den Fünfzigern entsprungen sein könnten. Eine längst verstummte Prozession*  Diese großen Hüte … wie große Pilzhüte fast … Eine ernste Stimme aus dem Off wird laut:

„Nach meinem Kenntnisstand ist das Gebiet unerreichbar. Es ist unmöglich, die Kreisstraße zu überqueren. Von oberster Stelle ist eine Erkundung des Gebiets nicht geplant.“

Und mit plötzlichem Nachdruck:

„Unter gar keinen Umständen! Schlag es Dir aus dem Kopf! Das Gebiet bleibt unerschlossen!“

Aber warum? Warum? Warum denn nicht? Es ist doch schade, um nicht genutztes Land?! Was verstehe ich denn gerade nicht?

Anmerkung:

Am Tag vor diesem Traum (vor etwa 2 Wochen) hatte ich über Google Maps den Trimm-Dich-Pfad entdeckt und überlegt, wie ich am besten hinfahren könnte. Leider blieb am nächsten Tag doch keine Zeit für eine erste Erkundung, so wie ich das vorgehabt hatte.

Beim ersten Notieren und dann beim Tippen des Traums musste ich mich geradezu zwingen, statt Prozession nicht Progression zu schreiben. Vielleicht geht es dem Traum also gar nicht um ein feierliches Voranschreiten, sondern mehr um den Fortschritt. Ein verstummter Fortschritt …

Nebenpfade

 

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4 Kommentare zu „Niemandsland

  1. Das sind ganz eigenartige Fragmente, noch dazu mit surrealen Bildmontagen angereichert 🙂
    Sie haben etwas Bedrückendes, trotz der Leichtigkeit und Luftigkeit der Erzählung.
    Kafkaesk ist das aber deswegen nicht, denn Kafkas Dramen spielten sich eigentlich nicht in der Natur ab.

    Dein Traum mit der verbotenen Zone erinnert mich an einen alten Traum. Vielleicht sollte ich ihn zu Papier bringen 🙂

    1. Ja, das stimmt, leicht und doch bedrückend. Dieses Luftige und Lautlose der Mannequins hatte für mich nichts Mitreißendes. Sie kamen mir auch mehr entgegen, ohne mich jedoch zu registrieren. Wir waren/ sind einander ohne Bedeutung – gefühlt. Doch so ganz ohne Bedeutung können sie ja nicht sein, wenn ich gleich eine ganze Prozession davon träume. Und dann auch noch die Grenzlinie bevölkernd.

      Ab und zu hole ich auch mal einen alten Traum hervor, um mich noch einmal damit zu befassen. Fast immer, wenn ich einen Traum zu Papier bringe, bin ich überrascht von all dem, was mir währenddessen dazu einfällt und davon, wie es den Traum gleich einem Buch aufschlägt, ihn sich mehr oder weniger offenbaren lässt. Eine Bereicherung. Vielleicht? 🙂

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