Job in Magdeburg

Erste Rohfassung

Zwar findet keine Tanzveranstaltung statt, doch stehen im Eingangsbereich zum Tanzsaal – zwischen Registrierkasse und den Schwingtüren zur Küche – einige Menschen herum. Vor mir bemerke ich drei wartende, etwas unruhige Frauen und einige locker plaudernde Männer. Noch ist nichts entschieden.

Plötzlich eine Stimme aus dem Off: „Flummi, welche soll die Nächste sein? Sag schnell!“

Die Nächste?? Ach so … langsam dämmert es mir: diese drei Frauen und ich sind nur ein geringer Teil von weiteren tausend, die sich hier ebenfalls um den Job bewerben wollen. Steve Cook – soeben erkenne ich ihn – ist der Arbeitgeber. In seinem Gesicht liegt ein smartes Lächeln, mit leuchtenden Augen schaut er seine jeweiligen Gesprächspartner an.

„Sag schnell“, erinnert mich die Stimme.

Oh, eine von den Dreien also.
Die erste Frau kenne ich von früher aus dem Bioladen. Sehr öko. Ich sah sie nie lächeln. Dunkle Haare, Naturwelle, farbloses Gesicht mit Rosacea auf den Wangen. Kann bestimmt gut anpacken. Halte sie dennoch für ungeeignet.
Die zweite Frau sah ich vor einigen Jahren in der Eisernen Hand. Aschblonde, kinnlange Haare. Dunkelblauer Hosenanzug, der Kompetenz vermitteln soll, die ich ihr nicht in dem Unfang zugestehen konnte, wie sie selbst es tat. Nee …

„Beeil dich! Sonst vorbei, deine Chance!“

Meine Chance? Soll das heißen, dass die Person, die sich vor mir vorstellt, einen Einfluss darauf hat, ob Cook sich anschließend für mich entscheiden wird oder nicht? Ich verstehe das nicht so recht …

„Es ist vorbeeeeeei!!“ verkündet die Stimme. Die mir zugestandene Zeit ist abgelaufen.

Erst jetzt bemerke ich, wie ich gekleidet bin: schwarze Businesshose mit Bügelfalte, ein blusiges Oberteil aus weißer Viskose, die im Comicstyle mit kleinen Tupfen übersät ist. Am Saum und den kurzen Ärmeln weicher Strickbund.

In Gedanken bin ich schon daheim und höre meinen Mann fragen: „Wo wäre der Job denn gewesen?“

Ich murmele: “ … glaube, in Magdeburg …“

„Ach komm, das wäre eh zu weit weg gewesen. Kein Verlust.“

„Ja, schon …“, überlege ich laut.

Eine Stimme holt mich in die Gegenwart zurück und sagt, ich soll mich schnell melden, meinen Arm heben, um so aus der Masse herauszuragen. So ein Blödsinn. Die Frauen rundum sind alle überragend*. Selbst wenn ich den Arm lang nach oben streckte, fiele das nicht auf. Ich zögere und schließlich ist es dank meiner Zurückhaltung schon wieder zu spät …

Nächste Szene: Ein Teil der Leute um Steve Cook hat sich nach der Jobveranstaltung in der Goldenen Möwe versammelt. Einer der Kerle gibt den Takt an, hebt rhythmisch den Arm. Alle sollen in diesem Takt singen und klatschen: „Hej!“ //klatsch// „Hej!“ //klatsch// „Hej!“ … Diejenigen, die sich Burger geholt haben, sollen diese in diesem Takt abbeißen, kauen und schlucken.

Na super, das ist ja mal wieder schön bescheuert. Wer denkt sich so etwas aus? Und doch … etwas Archaisches, das dem Hej innezuwohnen scheint, reißt mich mit, in dieses Hej einzustimmen. Nicht laut, aber in meinem Bauch, inbrünstig.

Erst jetzt schaue ich nach links, wo mein Mann sitzt und an einem Objekt arbeitet. Vor ihm stehen – auf zwei dicke Holzklötze gesteckt – zwei wirklich riesige Erdbeeren. Eine davon ist bemerkenswert länglich (von der Form her an Pepperoni erinnernd). Es sind sehr reife Erdbeeren. Während die linke Erdbeeren fertig gedrungen ist, arbeitet nun Mike ein Detail an der „Scharfen Erdbeere“ heraus: Mit einem Schälmesser setzt er ganz unten an und trennt das vordere Drittel der Erdbeere bis fast zum Stielansatz vom Rest. Dann nimmt er diese dünne Scheibe, dreht sie zu einer kleinen Rolle bis ganz nach oben und fixiert sie mit einem Holzstäbchen. Zum Schluss gibt er noch eine Prise Zucker drüber. Fertig! Ich staune … die offene Schnittfläche der noch stehenden Zweidrittelerdbeere sieht aus wie die Zunge der Kali! Eine starke Energie geht davon aus. Zugleich geht mir durch den Kopf, dass diese so reife Erdbeere innerhalb der nächsten Stunden schon faulen könnte. Mein Mann dagegen setzt an, das Erdbeerobjekt in eine große McMöwenschachtel zu verpacken, denn er will das Objekt einem Chinesen schicken. Waaaas? „Never ever“, sage ich, „das kommt höchstens als Matsch in China an. Das vergammelt doch!“

„Ach du“, meint mein Mann, „nun sieh doch nicht immer so schwarz!“

Wer sieht Schwarz?

Anmerkung: Als ich diese Szene notierte, fiel mir sofort dieser Beitrag ein:  war – so traurig gestern – arne´s comfy couch

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