Mein magischer Fahrradhelm

Solange die Blessuren noch vielerlei Schmerzsignale senden, werde ich automatisch daran erinnert, den Fahrradhelm aufzusetzen. Aber wie sieht das in einigen Tagen aus? Als ich darüber grübelte, ahnte ich noch nichts von der vor mir liegenden Begegnung. Aber von vorn:

Gestern Nachmittag, ich musste noch einkaufen, hatte ich gleich meine Last beim Aufsetzen des Helms. Der Sturm ließ meine Haare in alle Richtungen flattern und miteinander verknoten. Es war mir nicht gelungen, sie ordentlich hinter den Gurten einzusperren und dachte beim Losfahren nur entnervt: okaaay, dann sieht es halt bescheuert aus!

Von enormem Rückenwind getrieben, erreichte ich den Supermarkt, wo ich Nachschub für den Kühlschrank besorgen wollte. Nach der Auswahl des Grünzeugs schob ich den Wagen zielstrebig durch die Gänge. Bisher war mir gar nicht aufgefallen, wie der Kopf dabei immer von links nach rechts nach links … wandert. Aber gestern! Mein Kopf schien mittels Gummibändern mit dem Rumpf verbunden zu sein, die äußerst empfindlich reagieren und richtig ziepen. In der Kühlabteilung spürte ich es besonders und probierte besorgt, ob ich meinen Kopf sachte nach links und rechts kippen kann. Und wie ich noch so mit dem Kopf wackele, liegt mein Einkauf auch schon vollständig im Wagen und ich stelle mich an die lange Wartereihe/ Kasse 3 ein. Eine Kassiererin rief einem Kunden zu, dieses sei die Nichtraucherkasse, weil der Zugriff auf die Tabakwaren blockiert sei. Das löste einige Unruhe  aus, denn ein Teil der Kunden drängelte nun an den Wagen vorbei zurück, um sich an Kasse 2 bis zu den Zigaretten vorzuschieben. Wie sich herausstellte, ließ sich auch die Tabaktheke nicht öffnen. Puuuh …

Es ging zäh voran, mein Blick verlor sich zwischen Kaugummidragees und Duftbäumchen. Etwas Unbestimmtes ließ mich aufmerken. Ich bemerkte es erst, als mein Blick zwischen zwei Aufbauten hindurch zum benachbarten Kassenband ging. Dort stand ein Mann, der mich wohl schon länger angesehen hatte. Er betrachtete mich mit einem … unbestimmten(?) Gesichtsausdruck, und ja, schaute direkt in meine Augen. Als sich unsere Blicke trafen, verlor sich für einen Wimpernschlag das ganze Stimmengewirr rundum. Sein Gesichtsausdruck schien etwas zu sagen, aber ich hatte keine Idee dazu.. Das verunsicherte mich. Hatte ich womöglich einen Krümel im Mundwinkel, oder meinen Pulli mit Quark bekleckert? Oder Pandaaugen von der Wimperntusche (es hatte ja kurz geregnet)? Ah, mir wurde heiß vor Schreck, bestimmt war mein Unterhemd aus dem Hosenbund gekrochen und hing da jetzt unordentlich drüber. Ja, genau, morgens war es drunter und drüber gegangen:

Früh am Morgen hatte schon der Schornsteinfeger geklingelt, weil er die Abgaswerte prüfen wollte. In der Eile hatte ich ein Kinderunterhemd meiner Tochter druntergezogen, das irrtümlich in meiner Schublade gelandet war. Es war etwas zu kurz und zog immer aus dem Hosenbund.

Ich nestelte also verunsichert am Hosenbund herum, zog ihn sicherheitshalber etwas höher, da mein Pulli vorn einen schwungvollen Saumabschluss hat, der diesen wiederum zur Mitte hin verkürzt. Mit der anderen Hand zog ich den widerwilligen Pulli nach unten. Und schon war ich an der Reihe. Pieeeep … pieeeeep …. pieeeeep … die Kassiererin machte einen lustigen Schnack, ich zahlte und packte noch am Fenster den Einkauf in den Beutel. In der Ferne wurde es schon wieder dunkel, aber ich könnte es vielleicht noch vor dem Regen bis nach Hause schaffen. Ich eilte zum Fahrradständer.

Gerade als ich meinen Fahrradhelm aus der Fahrradtasche holte, hat mich etwas Unbestimmtes aufmerken lassen.  Ich blickte auf und sah einen Mann … ah, den hatte ich doch gerade an der Kasse gesehen?! Er kam direkt auf mich zu. Sicherlich wollte er mich nach einer Straße fragen. Das finde ich immer spannend, da ich selbst oft nicht weiß, wo diese zu finden sind. Ich hielt inne, blickte ihm ermunternd und neugierig entgegen.

Einen Schritt vor mir blieb er stehen, zögerte kurz und fragte schließlich: „Sind Sie … vielleicht eine Singlefrau?“
Mein Hirn hatte einen Sekundenbruchteil früher die Info gesendet: „Er sucht ’ne Frau für ’n Swingerclub!“
Im gleichen Augenblick spürte ich seine Verlegenheit und sah leichte Röte vom Hals aufsteigen. Mein Herz wurde weit, ich butterweich.. Ich antwortete, versuchte das Bedauern aus meiner Stimme zu halten: „… nein.“
„Ja … schade“, meinte er, zögerte, deutete eine Verneigung an und entschuldigte sich für seine Frage.
Ich spürte den Impuls seine Hand in meine zu nehmen, aber sagte nur: „Es ist alles gut. Sie müssen ja fragen, wenn …“
Und durch den Kopf ging mir: Warum nur rede ich gerade so einen kühlen Quatsch zusammen? Ich nickte zugeneigt, legte den Helm ab, wandte mich verwirrt dem Fahrradschloss zu und sah ihn im Augenwinkel über den Parkplatz gehen.

Etwas ratlos stand ich dann mit dem Fahrradhelm in der Hand da. Was war hier eigentlich gerade passiert? Langsam drang in mein Bewusstsein, dass viele Frauen meines Alters genau von so etwas träumen, dass sich ein attraktiver Mann für sie interessiert, sie anspricht.

Als ich den Fahrradhelm aufsetzte, spürte ich eine eigenartige Freude. Vielleicht war es das Empfinden, mich mit einem Male in weit jüngere Jahre zurückgeworfen wiederzufinden. Ich fühlte mich plötzlich jung und begehrenswert und das ohne dunkle Fragezeichen dahinter. Was für ein wunderbares Gefühl! Das ist doch die Gelegenheit! Etwas aufgeregt verankerte ich dieses guuuuuute Gefühl mit dem Aufsetzen des Helms. Mehrmals lies ich dieses Tun vor meinem inneren Auge abspulen, während ich dem guten Gefühl erneut nachspürte. Wie könnte ich zukünftig den Helm vergessen, wenn er jedes Mal gute Gefühle in mir wachruft? Nun bin ich nur noch gespannt, ob die Magie von Dauer ist.

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9 Kommentare zu „Mein magischer Fahrradhelm

  1. Klasse!

    Auch wenn ich im ersten Moment einen Typen im Kopf hatte, beim Lesen, der dann doch etwas creepy war. Aber ist schon wahr – es ist creepier, wenn er einfach angräbt und damit den Eindruck erweckt, er halte Dich auf jeden Fall für eine Single-Frau – oder es sei ihm egal, falls nicht.

    1. Dieser Mann hat tatsächlich die Kunst beherrscht, eine Frau ganz direkt anzusprechen und dabei doch do zurückhaltend zu wirken, dass ich mich nicht eine Sekunde unangenehm bedrängt fühlte. Das hat mich wirklich für ihn eingenommen. (Mir kommt das Erlebnis fast traumhaft vor.)

  2. Eine schöne Geschichte. Das gibt einem doch ein gutes Gefühl für den ganzen Tag, oder? Außerdem fand ich es mutig von dem Mann, eine fremde Frau so einfach anzusprechen. Aber andererseits, wie soll er sonst erfahren, ob du evtl. noch zu haben bist, weil du ihm gefallen hast. Ich fand es klasse! 🙂

    1. Ja, das gute Gefühl hat es sogar bis zu diesem Augenblick überlebt. Irgendwie fühle ich mich beschenkt und spüre zugleich ein wenig Bedauern darüber, dass ich gar nichts zurückgeben konnte, damit dieser Mann sich auch gut fühlen könnte. Ja, ich fand ihn auch mutig. Frauen reagieren ja sehr unterschiedlich darauf. 🙂

  3. Die Geschichte ist vollkommen unklar für mich.

    Aber Dein Triumphgefühl kann ich verstehen! So hat sich Dein Kopf statt einem Ärgergefühl eine schöne Bestätigung ausgesucht. Und das ist doch das eigentlich Wichtige: Daß man sich selber gut tut!

    1. Au weia … mein innerer Deutschlehrer nickt gerade vollkommen resigniert. 😉

      Triumph oder Ärger habe ich nicht empfunden. Uihuihuih, ich muss das wirklich ziemlich schlecht beschrieben haben. 😦

      Ja, es ist wichtig, sich selber gut zu tun. Rundum glücklich bin ich aber erst, wenn ich auch anderen guttun kann. Leider ist das nicht immer möglich.

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