Radunfall

Gleich morgens geschah es. Ich wollte zum Zirkeltraining, war auf dem Radweg unterwegs. Plötzlich sauste aus einem nicht einsehbaren Seitenpfad ein größeres Kind mit seinem Rad heraus, und kam direkt vor mir zum Stehen. Ich dachte gleichzeitig: ‚Scheiße, kein Helm, … keine Reaktionszeit … kein Bremsweg …‘ Zugleich bekam ich einen unfassbar heftigen Schlag an die rechte Kopfseite, Zentrum etwa Ohr und Kiefer. Ein lautloser, dumpfer Knall, dann nur noch Schwärze und nichts mehr.

Als ich zu mir kam, blickten drei (vier?) Kinder auf mich herab. ‚Scheißescheißescheiße‘ ging mir durch den Kopf. Wie aus dem Nichts ploppte Sorge auf, als ich den Schock realisierte und zugleich spürte: ich fühle nichts, so wirklich gar nichts. Ich stand auf – war froh, dass es ging. Bewegte Arme und Beine, bog den Rücken in alle Richtungen. Ich spürte nichts. Kein Blut, nichts. Und mein Kopf? Der war doch aufgeschlagen? Mein Kopf reagierte kühl, ließ mich eine Frage an den Jungen richten:

‚Bitte sage mir doch, in welcher Reihenfolge ich mit welchem Körperteil wo aufgeschlagen bin. Ich kann mich daran nicht erinnern.“

Der Junge sagte, ich sei über den Lenker geflogen, mit dem Kopf zuerst auf seinem Gepäckträger aufgeschlagen und dann auf dem Boden. Er fragte verhalten: „Alles in Ordnung, kann ich weiterfahren?“ Und ich so: „Ich weiß es nicht. Warte noch zwei Minuten.“ Wie lang sind zwei Minuten? Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Die Kinder starrten mich an … Die zwei Minuten mussten längst rum sein. Ich konnte so keine schlimmeren Verletzungen feststellen, blutete auch nicht. Na ja klar, ich spürte mich immer noch nicht so recht, aber … das könnte ja noch dauern. „Okay Jungs, , ihr könnt weiterfahren.“ Alle düsten davon.

Ich war etwas ratlos … Das war echt heftig gewesen … Was macht man denn da? Einfach den Weg zum Zirkeltraining fortsetzen? Hm, ja, erst mal weiterfahren, dann weitersehen. Mein Gesicht war heiß, in mir alles warm  Ich trainierte den Zirkel etwas langsamer als gewöhnlich durch. Etwas merkwürdig fand ich das Gefühl dabei, so als wäre ich beschwipst. Allerdings mehr ein Schwips, dem jegliche Heiterkeit abhanden gekommen war. Die Bewegung tat mir sogar gut, ich hatte das Gefühl, mein Körper konnte dadurch etwas Spannung abbauen. Klar, als ich nach Hause fuhr, tat das Ohr weh, der Kiefer auf der Seite auch.

Gutes Zeichen allerdings: ich hatte Hunger (natüüüürlich!). Haferbrei! Mmh! Oh oh … der erste Löffel passte kaum durch meine Lippen. Der Kiefer schmerzte und wollte sich nicht öffnen, ließ sich schließlich doch noch bewegen, als mein Magen grimmig knurrte (das habe ich dazu gesponnen. Mein Magen hat ’ne Speedweek hinter sich, der knurrt so schnell nicht).

Der Kiefer wurde im Laufe des Tages auch besser. Die ersten Prellungen werden sichtbar. Am Oberschenkel ein dicker blau-violetter Fleck; vermutlich die Stelle, die an die Fahrradklingel gedotzt war (die war nämlich verdreht). Am Rücken sind einige Punkte, die drücken wie Steinchen. Mein Ohrstecker war im Ohrläppchen verbogen und hatte meinem Kopf einen Stich versetzt. Unter dem rechten Auge sieht es leicht verfärbt aus. Ich hoffe, ich erlebe morgen nach dem Aufstehen keine unangenehme Überraschung. Dann würde ich wohl doch den Arzt aufsuchen.

Es ist total unvernünftig, ohne Helm zu fahren!! So blöd kann man gar nicht denken, wie das Leben manchmal spielt.

Bin ziemlich geschafft von diesem Tag. Trainingstag A lief relativ gut. Davon im nächsten Beitrag.

 

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15 Kommentare zu „Radunfall

    1. Zum Denken blieb da echt keine Zeit.
      (Unbedingt!!)
      War schon auf dem Rad heute. Mit Helm. Sitzt er fest, bekomme ich „Platzangst“, sitzt er locker, nützt der nix. Leidiges Thema. Kenne ich schon aus früheren Vernunftphasen. 😉 )

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  1. Ich will mich ja nicht aufspielen, aber ohne Helm fahre ich nie. Allein schon der eigenen Kinder wegen: Wie soll ich die überzeugen, selbst einen Helm zu tragen, wenn ich es ihnen falsch vormache. (Unser Nachbar ist das perfekte Beispiel…)

    Aber gut, dass jetzt die Einsicht angekommen ist. Ich drücke die Daumen, dass da nichts nachkommt… 💐

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    1. Danke Dir fürs Daumendrücken! 🙂
      Ja, wie überzeugt man die eigenen Kinder. Hängt wohl auch vom Kind ab.
      Mein erwachsener Sohn hat den Helm damals ziemlich klaglos aufgesetzt. Zu seiner Kinder-/ Jugendzeit trugen die Erwachsenen in unserem Umfeld keine Helme; von seltenen Ausnahmen und Radsportlern abgesehen. Die Kinder mussten meist einen tragen. Meine Enkelkinder dagegen meutern schon mal, wenn sie den Helm aufsetzen sollen.
      Meine Tochter (gerade 13) wiederum setzt den Helm gewohnheitsmäßig auf. Vielleicht greift bei ihr sowas wie schräg-paradoxe Intervention? Ich habe sie vorhin noch fragen können, wodurch ich sie eigentlich überzeugt habe. Äh ja … meine Argumente seien gut und deshalb könne sie auch nicht verstehen …. Als ich heute den Helm aufsetzte, schenkte sie mir – mit laschen Händen im Zeitlupentempo klatschend – Szenenapplaus.
      Vielleicht lernt Omma das ja doch noch, das mit dem Helm. *daumenhoch*

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  2. Aus meiner Rennradzeit habe ich die Erfahrung, dass man nie so genau weiß, was passieren wird – und als Radfahrer ist man sehr verletzlich. Ich breche auch die Lanze für den Helm … und wünsche gute Besserung!

    Das „nichts fühlen“ kenne ich. Ich bin nach meinem damaligen Radunfall (vor 21 Jahren … ) tatsächlich noch mit zwei Händen abgestützt die Treppe hoch, um mich ins Bett zu legen und Kühlen zu lassen. Da ging aber nach 45 Minuten dann gar nichts mehr – knöcherner Bandabriss im Knie. Sowas merkt man nicht erst am nächsten Morgen, ich will damit keine Angst machen. Der Schock ist aber ziemlich stark, das wollte ich damit sagen. Selbst bei kleinen Unfällen!

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    1. Das klingt ja richtig schlimm, was Du erlebt hast. Ja, wenn man diese Geschichten hört oder liest … sieht man sich selbst auch gleich mit Helm durch die Gegend radeln. Sage ich mir dann jedes Mal.
      Warum sich das bei mir bisher immer nur phasenweise durchsetzen konnte – obwohl ich schon einige Stürze erlebte – könnte ich gut beschreiben. Allerdings sähe es danach aus, als wolle ich mich rausreden, was ich ja gar nicht will.
      Vielen Dank für Deine guten Wünsche! 🙂

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      1. Das Problem ist die Geschwindigkeit – und die damit auftretende Beschleunigung und Kraft beim Aufprall. Ich habe damals auch viele Argumente gegen den Helm gewälzt – bei meinem Unfall hätte mir der Helm auch nur geholfen, wenn ich noch etwas extremer geflogen (nein, nicht gefallen – geflogen) wäre … und eben doch den Baum im Weg getroffen hätte.

        Ich kenne einige Argumente gegen einen Helm, als Rausreden würde ich das nicht empfinden. Es gibt viele Dinge, die man vernünftigerweise im Dienste der Sicherheit tun sollte, eigentlich sogar MUSS, aber doch nicht tut. Gerade als Pendlerin auf längerer Auto-Strecke kennt man das sehr gut. Nicht nur von den anderen.

        Mein Unfall damals hatte mich sieben Wochen lahmgelegt. Er passierte eine Woche vor Beginn der Sommerferien, der Gips kam am Freitag vor Schulbeginn weg. Radfahren war danach für mich erstmal passé, dann setzt meine Gesellschaftstanz-Sucht ein. EIGENTLICH habe ich den Unfall auch nur angeführt, um den Schock und seine Wirkung zu illustrieren – und nicht, um Angst zu machen oder aus meiner Geschichte zu erzählen ^^

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        1. Sieben Wochen … uih uih uih.
          Was den Schock anbellangt, habe ich schon mal eine heftige Erfahrung gemacht. Mir flog bei einem plötzlichen und heftigen Sturm ein durch die Luft wirbelndes Surfbrett ins Kreuz. Der gebrochene Mast hatte sich direkt neben mir in den Sand gebohrt. Meine damals noch kleine Tochter war unter mir begraben. Ich hatte mich schützend über sie gebeugt, da stampfte mich das gewaltige Ding in den Sand, und somit meine Tochter, über die ich mich schalenförmig zu halten versuchte. Der Druck war aber viel zu mächtig – keine Chance. Daspürte ich anfangs auch keine Schmerzen. Aber am nächsten Tag! Zwar hatte ich Glück, keine Frage, aber ich hatte noch lange danach heftige Rückenbeschwerden. Meine Tochter ist mit einem Schrecken davon gekommen. Ein Wunder.

          Ansonsten: ich mag es, von anderen Geschichten zu hören. 🙂

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  3. Hab ich ein Glück, dass ich ein Rad hab, das noch langsamer ist als ich selbst 😉 Jetzt hast du mir doch glatt ein Argument GEGEN Radfahren geliefert. Stellt sich mir nach deinem Erlebnis die Frage, was FÜR MICH sinnvoller ist: Weiter ungesund NICHT Radfahren oder künftig (mehr) Radfahren mit Gesundheitsrisiko 😉 Na, da überlasse ich alle diese sportlichen Fragen doch lieber der lieben Flummi und bewundere weiterhin deren grenzenlose Selbstdisziplin. ALLES GUTE UND GUTE BESSERUNG wünscht Robert vom manathome.blog

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    1. Das Problem mit Rädern, die langsamer sind als man selbst, kenne ich aber auch! 😀
      So ist das mit den Aktivitäten. Gestern stellte ich mir eine ähnliche Frage, als ich für negative Klimmzüge (an der Küchentür) auf den Küchenstuhl stieg. Der hat schräge Stuhlbeine, die sich zum glatt gefliesten Boden hin verjüngen. Was wiederum mit sich bringt, dass man sich besser nicht auf die Stuhlsitzkanten stellt, weil man sich dann schnell mal durch die Küche katapultiert oder den Stuhl unter sich wegflitscht. Soll ich also auf diese Weise Klimmzüge üben? Wenn der Stuhl unter einem wegkippt, kann man verschiedene Konsequenzen ziehen: Eine wäre: nie mehr auf so einen kippeligen Stuhl steigen, weil: gefährlich! Ich nehme jetzt konsequent diese Kippelstühle, um meine Fähigkeit zu trainieren, mit genau dieser Situation umzugehen. Wenn er unter mir wegbrechen will, reagiert mein Körper inzwischen routiniert. Ob das nun wirklich klug ist … kann ich nicht beurteilen.
      Vielen Dank für die ermunternden Worte. 🙂

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  4. Man lernt eben immer was dazu. Aber ob jetzt ohne Helm oder mit, das Problem ist immer, dass man höllisch (gerade bei Kindern) aufpassen muss. Die sind eben unberechenbar. Ohne ist natürlich viel gefährlicher. Früher dachte ich auch, das geht schon. Aber seit einiger Zeit gehe ich nur noch MIT aufs Rad.
    Dann hoffen wir mal, dass nichts zurück bleibt und gute Besserung!

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    1. Das stimmt, Kinder sind unberechenbar! In diesem Fall war das Kind leider erst zu sehen, als es mir vor das Rad sauste.
      Mag sein, dass meine Helmflucht auch damit zu tun hat, dass ich nach einem Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule zu Verspannungen neige. Das Tragen des Helms scheint diese zu fördern. Ich hatte oft das Gefühl, mir den Helm am liebsten vom Kopf reißen zu wollen, so unangenehm wurde es. Von der Schutzfunktion bin ich ja überzeugt. Deshalb: Ab heute bin auch ich nur noch mit Helm unterwegs – versprochen. 🙂
      Danke für die guten Wünsche! Heute Abend fühle ich mich, als hätte ich ’ne Schlägerei gehabt.

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