Sommer 1966 | Die Mathearbeit

Folgender Traum kam in der gleichen Nacht, in der ich auch die Schwarzläuferin träumte:

Die Überraschung geht durch und durch; vor stummem Erstaunen akzeptiere ich die Situation. Ich bin auch gar nicht so sicher, ob man sich in einem solchen Fall überhaupt widersetzen dürfte.

Während ich schlief wurde beschlossen, dass alle Schülter aus meiner Klasse am heutigen Tag eine Mathestunde aus dem Jahr 1966 nachholen müssen. Genauer gesagt, war 1966, kurz vor Beginn der Sommerferien, an zwei Tagen der Matheunterricht ausgefallen. Ganz klar, wegen der Schulpflicht müssen Lehrer und Schüler das Versäumte ja noch nachholen. Heute!

Ach du liebe Zeit, ausgerechnet eine Stunde, in der wir eine Mathearbeit zurückbekommen sollten. Irgendwie habe ich ungute, aber auch sehr unscharfe Erinnerungen daran. Wie war ich denn in Mathe? Schon halte ich sechs Bögen in der Hand. Unschwer zu erkennen, dass es die korrigierte Arbeit ist … all die roten Bemerkungen! Oh mein Gott, ich wage gar nicht hinzusehen! Habe ich eine Fünf geschrieben? Eine Drei? Es ist derart schrecklich, ein irrwitziger Schrei, ein Weinen aus tiefsten Tiefen versucht sich Bahn zu brechen, will hinaus, laut werden. Mein Rachen krampft rhythmisch dagegen – tacktacktack – mein Mund ist stumm aufgerissen, die Augen weit, der Arbeit entwendet. Ich versuche mich zu beruhigen: Wen interessiert denn heute die Note einer Arbeit aus dem Jahr 1966? Das ist doch völlig bedeutungslos für die Gegenwart!!!
Nein nein, wäre es bedeutungslos, säßen wir denn jetzt alle hier?

Währenddessen, ich hatte es kaum wahrgenommen, wurden von Geisterhand auch die kleinen Lunchpäckchen verteilt, die wir bereits damals erhalten sollten. Tatsächlich wurden diese Nahrungsmittel die ganzen Jahre über verwahrt, um sie uns heute zu überreichen. Ein Getränk für jeden; eine Flasche Apfelschorle, deren Kunststoffflasche schon alt aussieht. Das Getränk ist, obwohl die Flasche verschlossen ist, zu gut einem Drittel entwichen. Dazu gibt es Kekse, die sich fast in Staub verwandelt habe und steinharte Gummibärchen, die die Zeit geschrumpft hat.

Die ganze Aktion scheint wohlmeinend. Was uns gegenüber versäumt wurde, soll nachgeholt werden. Das heißt auch: morgen steht eine weitere Mathestunde an. Doppelstunde, glaube ich. In diesem Augenblick fragt mein Mathelehrer (der übrigens kein Jahr gealtert ist):

„Flummi, bist Du morgen mit Angelique verabredet? Wollt ihr euch zum Musizieren treffen? In dem Fall würde ich vorschlagen, wir erledigen heute alles und die für morgen geplante Mathestunde muss nicht mehr statt…“

Weiter kommt er nicht, da ruft Angelique, die mir schräg gegenüber erscheint, schon dazwischen. „NEIN! Wir sind nicht verabredet!“

Was soll das? Es war nicht eindeutig abgemacht, aber eigentlich hatten wir morgen gemeinsam Singen wollen. Und warum schaut sie mich so verärgert an, als habe ich ihr Böses getan? Außerdem hatte ich gerade antworten wollen, dass wir verabredet sind, hatte ihr Einverständnis echt vorausgesetzt. Das ist ja alles ganz schrecklich. Ein Albtraum.

Nur einen Augenblick später finde ich mich im Vorraum des Klassenzimmers. Dort sitzt ein Mann in Unterhose. Er wirkt durchtrainiert, ohne definiert auszusehen. Sein Fleisch ist angenehm fest. Ein Weißer, vermutlich afrikanischer Herkunft. Sofort bittet er mich, ich möge ihn bitte mit dem Elixier einreiben, das an meinen Fingern haftet. Ach? Tatsächlich! Ich stelle mich hinter seinem Rücken, massiere seine Schultern, seine Armkugeln, streiche hinab zur Brust, drücke fest und doch sanft das feste Gewebe unter meinen Händen. Er genießt seufzend mit geschlossenen Augen und ruft dann in Richtung geöffneter Klassenzimmertür:

„Nie zuvor hat mich jemand derart kraftvoll, eindringlich und sanft zugleich massiert! Hör nicht auf damit, höre niemals auf! Und als ich vor Überraschung zögere …. „Mach weiter, weiter …“

Kleine Anmerkung: 1966 war ich noch nicht eingeschult.

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3 Kommentare zu „Sommer 1966 | Die Mathearbeit

  1. Wenn ich am Morgen nur wüsste, was ich in der Nacht geträumt habe. Das ist immer sofort wieder weg. Nur seeehr selten kann ich mich erinnern, aber auch nur Bruchstücke, die sich schnell verflüchtigen.

    1. Je häufiger ich einen Traum erinnere oder es versuche, um so öfter stellt sich auch einer ein, den ich behalten kann. Je nach Interesse sind es dann mal mehr, mal weniger Träume. So ein bisschen Nachtleben muss ja sein, stimmt ’s?!

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